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Lädt zum Nachdenken ein: der Weinort Bernkastel-Kues an der Mosel.

Geld und Gesellschaft

Gesucht: Gemeinsinn

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Sie wühlen sich durch Ethik, Kulturgeschichte und ökonomische Theorie: An einer kleinen Hochschule an der Mosel studieren junge Leute, die in der Wirtschaft mehr sehen als einen Wettstreit um Geld und Macht.

„Golden Nugget“. Das Werbeschild fällt gleich ins Auge. Aber doch, die Adresse stimmt. Genau hier hat die Cusanus-Hochschule, die sich einer Neuerfindung der Wirtschaftslehre verschrieben hat, ihren Sitz. Man staunt nicht schlecht. Hauptmieter des schmucklosen Gebäudes an der zentralen Moselbrücke von Bernkastel-Kues ist nämlich – eine Spielbank im Erdgeschoss. Ein Stockwerk weiter oben, in den Verwaltungsräumen der privaten Mini-Uni, hat deren Präsident Reinhard Loske sein Büro. Loske hat der weltweit grassierenden Raubbau-Ökonomie den Kampf angesagt. Er formuliert Sätze wie: „Die tiefere Ursache unserer Krise liegt darin, dass der für jede Gesellschaft so essenzielle Gemeinsinn seit vielen Jahrzehnten systematisch aus dem Wirtschaftsleben und vor allem aus der Wirtschaftslehre vertrieben wurde und wird.“

Tatsächlich: Hier, in der rheinland-pfälzischen Provinz, in dem berühmten Weinort, schürfen die Wissenschaftler nicht nach Nuggets, sondern nach den Voraussetzungen für einen nachhaltigen Wohlstand. Die neue Hochschule sei „das wohl ungewöhnlichste Bildungsprojekt der jüngsten Zeit“, urteilte das „Merton Magazin“, die Publikation des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft. „Sie schwimmt gegen den Strom und übt sich darin, neues Denken zu lehren.“

Rund 110 Studentinnen und Studenten hat die erst 2015 eröffnete Hochschule und insgesamt knapp 30 Mitarbeiter, neben Loske gibt es noch fünf weitere Professoren und eine ganze Reihe Lehrbeauftragte aus dem gesamten Bundesgebiet. Benannt ist sie nach dem berühmtesten Sohn der Stadt an der Mosel, Nikolaus von Kues, dem Renaissanceforscher und Humanisten. Und das ist natürlich Programm: Hier will man Persönlichkeiten bilden, die später im Wirtschaftsleben mehr erreichen wollen als nur glänzende Quartalsbilanzen, maximalen Profit und Wachstumskurven zu generieren, die weder die ökologischen noch die sozialen Kosten der Produktion berücksichtigen. 

Reinhard Loske ist Präsident der Cusanus-Hochschule und Professor für Nachhaltigkeit und Gesellschaftsgestaltung. Er war Bundestagsabgeordneter.

Mit Slogans wie „Wirtschaft für Gesellschaft gestalten“ oder „Damit Wirtschaft endlich Sinn für alle macht“, wirbt die Hochschule. Kein Wunder, dass sich der Lehrplan auch fundamental von dem unterscheidet, was an anderen Wirtschaftsfakultäten gelehrt wird. „An den meisten Hochschulen wird im Großen und Ganzen am alten Sermon vom freien Markt als quasi natürlicher Ordnung festgehalten – und das trotz der Weltwirtschaftskrise von 2008 nach der Lehman-Pleite“, sagt Loske, der früher unter anderem Forscher am Wuppertal-Institut für Klima, Energie, Umwelt, Grünen-Bundestagsabgeordneter und Bremer Umweltsenator war. Bisher sei immer noch der stets an seinen Vorteil denkende Homo Oeconomicus die zentrale Modellfigur der standardökonomischen Lehre. Hierzu brauche es „Gegenmodelle, die den Gemeinsinn zurück ins Zentrum der Ökonomie bringen“. 

Vorgefertigte Rezepte liefert Cusanus dafür nicht. Stattdessen lernen die Studierenden neben dem Wirtschafts-Standardwissen – etwa die Grundlagen der ökonomischen Methoden, des Währungssystems oder des Managements–, auch Ethik, Nachhaltigkeit, Sozialtheorie oder Kulturgeschichte. In höheren Semestern stehen politische Theorie, Wirtschaftspolitik, Gemeinwohl und der Kurs „Geld und Gesellschaft“ auf dem Lehrplan. Blöcke mit „Studia humanitatis“ ziehen sich durchs ganze Studium, eine Art Studium generale, in dem es um philosophische Theorien, „Freiheit und Kreativität“ oder „Begegnung und Dialog“ geht, ebenso die „Reflexion eigenen Engagements“. So sollen die Studierenden ermächtigt werden, ihre eigenen, ganzheitlichen Lösungen für komplexe gesellschaftliche Fragen zu entwickeln.

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde Anfang Mai 70 Jahre alt, Ende Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“.

Das Serien-Thema wird in den Sommermonaten von allen FR-Ressorts mit jeweils eigenen Schwerpunkten bearbeitet. Heute startet die Wirtschaftsredaktion ihren Schwerpunkt „Wirtschaft, die verbindet“. Darin beschäftigt sie sich mit der Frage, wie den Spaltungstendenzen, die vom derzeitigen Wirtschaftssystem ausgehen, begegnet werden kann.

„Viele kommen zu uns, weil sie vom Wirtschaftsstudium an den anderen Unis frustriert sind“, berichtet Professorin Silja Graupe, vor fünf Jahren eine der Mitgründerinnen von Cusanus. Es sind junge Menschen, die in der Gesellschaft etwas verändern wollen und hofften, dort zu lernen, warum die Wirtschaft so funktioniert, wie sie funktioniert, und wie man das ändern kann. „Doch dann kommt der Schock“, sagt die Ökonomin und Ingenieurin. Dieses Rüstzeug bekomme man an den normalen Universitäten eben gerade nicht vermittelt, erlebe vielmehr ein verschultes, verengtes Programm, organisiert als „Bulimielernen“. Der Mainstream, wie er heute praktisch weltweit gelehrt wird, transportiere mit den gängigen Ökonomie-Modellen verkappte neoliberale Ideologien – ohne dass diese in der Lehre kritisch hinterfragt würden.

Deswegen sei es so wichtig, das Wirtschaftsstudium inhaltlich und strukturell zu reformieren, meint Graupe. „Wir lehren bei Cusanus ein plurales, kritisches und geschichtsbewusstes Denken, erforschen mit den Studierenden den Einfluss der Wirtschaftswissenschaften auf die Realität und legen die Grundlagen für eine fundierte Form innovativer Gesellschaftsgestaltung, die Wirtschaft in Natur und Sozialität einbettet.“

Großen Wert legt die Hochschule auch darauf, dass die Studierenden zu eigenen Projekten forschen. Die Themen, die behandelt werden können, sind sehr vielfältig, wie eine öffentliche Präsentation in Bernkastel-Kues kurz vor den Semesterferien zeigte. Hier geht es zum Beispiel um die „Kapitalisierung des Menschen“, der nur noch als „Produktionsfaktor“ gesehen wird, um alternative Unternehmenskonzepte gemäß der „Gemeinwohl“- oder „Postwachstums-Ökonomie“ oder um Konzepte für „gelingende Nachbarschaft“, ein besseres Zusammenleben in Mehrfamilienhäusern. Die Cusanus-Professoren beschäftigen sich in ihren Arbeiten mit der Kritik der Standardökonomie oder machen Vorschläge für eine gemeinwohlorientierte Regulierung der aufstrebenden „Sharing-Economy“, also dem derzeit von großen Firmen orchestrierten Teilen von Autos oder Wohnungen.

Die Studierenden der Cusanus-Hochschule kommen aus der ganzen Bundesrepublik, einige auch aus dem nahen Ausland. Die Studiengebühr beträgt 300 Euro im Monat, dafür sind die Mieten viel billiger als in anderen Unistädten. Freilich wohnt nur ein Drittel auch in der Moselstadt, der Großteil davon im Studierendenhaus, das in einer ehemaligen Jugendherberge hoch über der Stadt residiert und wo gemeinsam gelebt wird. Es ist möglich, den Lebensmittelpunkt anderswo zu haben, weil das Lehrprogramm in zwölf, dann allerdings vollgepackte Präsenzwochen pro Jahr konzentriert ist. „Wir wollen, dass die jungen Leute in ihren Zusammenhängen bleiben können, wenn sie das wichtig finden“, erläutert Graupe.

Einer dieser „Pendler“ ist der Berliner Nick Andrian, der im Master „Ökonomie – Gesellschaftsgestaltung“ studiert und bei einem der Kooperationspartner von Cusanus, dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in der Hauptstadt als studentischer Mitarbeiter angestellt ist. Sein Hauptinteresse gilt der Frage, wie ein sozial und ökologisch zukunftsfähiges Wirtschaftssystem aussehen muss, aktuell arbeitet er an Strategien öffentlicher Finanzinstitutionen für ein schnelles „Divestment“ aus fossilen Energien. Andrian sagt: „Das Studium hier verfolgt konsequent eine plurale, ganzheitliche und nachhaltige Wirtschaftswissenschaft.“ Und er lobt: Den Studierenden werde der Raum „für die Frage nach der eigenen Frage“ gegeben. Die Seminare in Bernkastel-Kues seien eine Zeit intensiven gemeinsamen Denkens, ein aufwühlender und spannender Prozess. „Man wird hier ernst genommen.“

Ab dem nächsten Jahr wird die neue Uni ein eigenes Gebäude beziehen können und Lehrveranstaltungen nicht mehr im Rathaus, in der ehemaligen Synagoge oder an anderen Behelfsorten abhalten müssen. Ein stattliches Hotel in einem Gründerzeitbau mit Blick auf die Mosel wird jetzt für Cusanus umgebaut. Neuer Platz für neues Denken. Denn das ist ja das Ziel: Die Saat säen, damit sich langfristig ein humaneres, ökologischeres Wirtschaften durchsetzt.

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