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Die Wirtschaft ist zunehmend bevölkert von betriebswirtschaftlich Untoten.
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Die Wirtschaft ist zunehmend bevölkert von betriebswirtschaftlich Untoten.

Weltkonjunktur

Zombie-Kapitalismus: Immer mehr „Untote“ unter den Firmen – droht die nächste Blase?

  • VonStephan Kaufmann
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Fachleute warnen vor betriebswirtschaftlichen Untoten: Firmen, die am staatlichen Geldtropf hängen, aber dem Untergang geweiht sind. Der zugleich weltweit wachsende Finanzreichtum sei ein „Phantom“.

Der Internationale Währungsfonds (IWF), Wächter der globalen Finanzstabilität, ist beunruhigt. Denn auf der einen Seite wächst die weltweite Verschuldung rasant – bei Staaten, aber auch bei Unternehmen. Damit steht eine große Pleitewelle bevor. Auf der anderen Seite wächst ebenso rasant der weltweite Finanzreichtum. Angesichts dieser Spaltung – gefährdete Realwirtschaft, florierende Finanzmärkte – bemühen Ökonomen mittlerweile gespenstische Metaphern zur Beschreibung der Situation: „Zombie-Unternehmen“ steht ein wachsender „Phantom-Reichtum“ gegenüber. Das Problem: Beide hängen voneinander ab.

Auf der IWF-Frühjahrstagung diese Woche steht ein Thema im Mittelpunkt: die wachsende Kreditlast der Unternehmen. Bereits 2019 hatte die Verschuldung der globalen Privatwirtschaft mit 91 Prozent der Wirtschaftsleistung ein Rekordhoch erreicht. Seit Beginn der Corona-Pandemie halten Regierungen Unternehmen durch weitere Kredite, Bürgschaften, Schuldenverlängerungen und Zuschüsse über Wasser.

Angesichts der Schulden stehe die Unternehmenswelt vor einer Pleitewelle, die durch Staatshilfen lediglich abgeschwächt werden könne, mahnt der IWF. Dieses Jahr werde der Anteil insolventer kleiner und mittelgroßer Firmen in den entwickelten Ökonomien von zehn auf 16 Prozent steigen. 20 Millionen Jobs seien dadurch bedroht. Weiteren 18 Prozent der Firmen drohe das Geld zur Begleichung ihrer anstehenden Rechnungen auszugehen, sollten sie keine Staatshilfen erhalten. „Vermehrte Pleiten können zu platzenden Krediten führen, die wiederum bedeutende Abschreibungen bei den Banken nach sich ziehen“, so der IWF. Auf Grund der „schieren Ausmaßes des Problems“ müssten die Regierungen ihre Hilfen weiter laufen lassen.

Schulden von Unternehmen

Und das tun sie. Die US-Regierung plant ein weiteres Billionen-Dollar-Paket, das fünfte seit Beginn der Pandemie. Die britische Regierung hat ein neues Kreditprogramm für Unternehmen aufgelegt. Die Bundesregierung kündigt für das laufende Jahr, trotz bereits hoher Neuverschuldung, einen Nachtragshaushalt an. Dabei stehen Regierungen allerdings vor einem Dilemma, so der IWF. Denn einerseits seien die Kredite nötig, andererseits stellen sie „ein Risiko für die Finanzstabilität der Zukunft dar“. Die Wirtschaft sei verstärkt den Gefahren eines scharfen Abschwungs oder einer deutlichen Korrektur an den Finanzmärkten ausgesetzt. „Finanzkrisen voraus ging in der Vergangenheit oft ein schneller Anstieg der Verschuldung, bekannt als Kredit-Boom.“

Ökonominnen und Ökonomen warnen daher vor einer „Zombiefizierung“ der Unternehmenswelt: Die Wirtschaft sei zunehmend bevölkert von betriebswirtschaftlich Untoten, die zwar real existieren und produzieren, de facto aber dem Untergang geweiht sind, da sie nicht profitabel arbeiten. Gesichert wird ihre Existenz allein durch staatliche Hilfen.

IWF-Prognose

In den Industrieländern ist dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolge ein Ende der Corona-Krise in Sicht: Dank Impfungen und Konjunkturpaketen soll die Weltwirtschaft in diesem Jahr um sechs Prozent wachsen. Das sind 0,5 Prozentpunkte mehr als noch im Januar angenommen, wie der IWF am Dienstag mitteilte. Es war seit Oktober bereits die zweite Erhöhung der Prognose. Im kommenden Jahr soll die globale Wirtschaft dann um 4,4 Prozent wachsen, eine Erhöhung der Prognose um 0,2 Punkte.

Die höheren Erwartungen begründete IWF-Chefvolkswirtin Gita Gopinath mit den Impfungen, einer stärkeren Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft und Maßnahmen zur Stützung von Konjunktur und Arbeitsmarkt. „Trotz der hohen Unsicherheit über den Verlauf der Pandemie ist ein Ausweg aus dieser Gesundheits- und Wirtschaftskrise zunehmend sichtbar“, erklärte Gopinath.

Wachstumslokomotive sind dabei die USA: Für sie hebt der IWF seine Prognose für dieses Jahr um 1,3 Punkte auf 6,4 Prozent an. Damit würden sie bereits 2021 ein höheres Bruttoinlandsprodukt (BIP) als noch vor der Pandemie erreichen. Ein Grund für das starke Wachstum ist das jüngst beschlossene Konjunkturpaket im Volumen von rund 1,9 Billionen US-Dollar (1,6 Billionen Euro). Das Paket entspricht fast zehn Prozent der jährlichen US-Wirtschaftsleistung.

Den globalen Wirtschaftseinbruch 2020 beziffert der Währungsfonds auf 3,3 Prozent. Ohne die umfangreiche staatliche Unterstützung von rund 16 Billionen Dollar weltweit hätte der wirtschaftliche Einbruch im vergangenen Jahr „dreimal so schlimm“ ausfallen können, erklärte der IWF. dpa

Diesen Unternehmens-Zombies, die ihre kapitalistische Seele – die Rendite – ausgehaucht haben, gegenüber stehen wachsende Massen von Finanzreichtum, die der US-Ökonom Joseph Stiglitz „Phantom-“ oder „Pseudo-Vermögen“ nennt. Die staatlichen Geldspritzen haben die US-Aktienmärkte auf Rekordhoch steigen lassen. Titel wie die des Elektroautobauers Tesla vervielfachen ihren Preis innerhalb von Wochen. Anleihen sind extrem teuer, was sich in den niedrigen Zinsen zeigt. Die Immobilienpreise in der Gruppe der OECD-Staaten sind so hoch wie vor der großen Finanzkrise 2007. Die Erwartungen der Märkte fliegen hoch, angestachelt von geschätzten 15 Billionen Dollar aus Steueroasen, die der IWF „Phantom-Investments“ nennt, weil sie zwischen Briefkastenfirmen ohne realen Geschäftsbetrieb hin- und herfließen.

Angesichts der Schere zwischen realwirtschaftlicher Lage und Börsenkursen verlegen sich Anleger zunehmend auf Investments, die nichts mehr mit der Realwirtschaft zu tun haben. So hat sich der Preis für die „Digitalwährung“ Bitcoin in einem Jahr verzehnfacht, obwohl – oder gerade weil – Bitcoins kaum für Zahlungen zu verwenden sind, sie keinen „intrinsischen Wert“ haben und damit ein reines Spekulationsgeschäft sind. Auf Auktionen erzielen Kunstwerke Rekordpreise. Die Verkäufe über das Internet haben sich 2020 gegenüber dem Vorjahr verdoppelt.

„Pseudo-Vermögen“ nennt Ökonom Stiglitz diese Reichtümer aus einer einfachen Überlegung heraus: Auf den Finanzmärkten stehen sich stets Optimisten und Pessimisten gegenüber. Anleger:innen kaufen ein Wertpapier in dem Glauben, es werde sich verteuern. Pessimisten verkaufen, weil sie das Gegenteil erwarten. Mit den Käufen steigen die Kurse, geben den Optimisten recht und damit wächst laut Stiglitz die Wahrscheinlichkeit einer Blase, in der der wahrgenommene Reichtum größer ist als der „reale“.

So machen sich die Finanzmärkte schrittweise unabhängiger von der Realwirtschaft, was sie mit zunehmenden Minikrisen bezahlen: Als Kleinanleger jüngst die Aktien des Videospiele-Händlers Gamestop in die Höhe trieben, gerieten Hedgefonds in eine Schieflage. Und der plötzliche Anstieg der Zinsen auf US-Staatsanleihen weckte vor einigen Wochen kurz die Furcht vor einer Finanzkrise.

Die Aktie des Bringdienstes Deliveroo stürzte zu ihrem Börsendebüt Ende März um ein Drittel ab. Und das Vermögen des US-Investors Bill Hwang kollabierte vergangene Woche, was seinen kreditgebenden Banken Milliardenverluste bescheren wird und an der Wall Street ein kleines Beben auslöste.

Der IWF bleibt angesichts dieser Zustände alarmiert, gesteht aber seine Hilflosigkeit ein: „Der Kredit-Boom ist zwar ein zentraler Punkt für Politiker und Krisenforscher“, schrieb der Fonds vor einem Jahr. „Gleichzeitig bleibt unser Verständnis davon, wie die Realwirtschaft während eines Booms reagiert und warum ein Boom zuweilen schief geht, begrenzt.“ (Stephan Kaufmann)

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