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Sie wollen Mitreden: Uber-Fahrer bei einer Demo in New York.

Führungsebene

„Gesichtslose Chefs“

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Zunehmend sagen Computer den Beschäftigten von Unternehmen, was zu tun ist – es gibt fragwürdige und gelungene Projekte.

Technologie hat die Arbeitswelt schon immer geprägt. Doch mit dem Siegeszug Künstlicher Intelligenz steht eine Revolution bevor: Der Computer übernimmt das Kommando. Einen Vorgeschmack bietet der mittlerweile börsennotierten Fahrdienstvermittler Uber: Bei Uber errechnen Algorithmen mit den Aufenthaltsdaten von Kunden, wo sich Fahrer für mögliche Kunden bereithalten müssen. Sie kalkulieren mittels Geodaten optimale Routen, denen Fahrer folgen müssen. Und sie bestimmen anhand der Nachfrage in der Uber-App und der Zahl der verfügbaren Fahrer verbindliche Preise für die Touren. Die Wissenschaftlerin Alex Rosenblat spricht bereits vom „gesichtslosen Chef“.

Möglich ist das, weil der technische Fortschritt bei Sensoren und Netzwerken dazu führt, dass immer mehr Daten vorhanden sind. Und weil diese mittels immer besserer Algorithmen sowie Künstlicher Intelligenz (KI) einfacher ausgewertet werden können. Längst ist es machbar, den Status von Produkten oder Dienstleistungen vom Auftragseingang über die einzelnen Arbeitsschritte bis hin zur Auslieferung zu verfolgen. Aber was an Daten vorhanden ist, kann auch zur Steuerung von Prozessen – oder von Mitarbeitern – genutzt werden.

Rosenblat hat nach eigenen Angaben Hunderte Gespräche mit Fahrern geführt und sieht die Entwicklung ausgesprochen kritisch. Sie berichtet von Fahrern, die anderswo warteten, als der Algorithmus vorschlug – und deshalb abgemahnt wurden. Sie erzählt von Fahrern, die entgegen der Anweisung einen Stau umfuhren – weshalb ihnen vom Algorithmus der Lohn gekürzt wurde. Und sie schildert, dass die Fahrer von Uber irgendwie versuchen, möglichst gute Bewertungen durch den Algorithmus zu bekommen – ohne, dass sie das Bewertungssystem verstanden hätten. „Passen sich die Fahrer nicht diesen Anweisungen an, wird ihr Account deaktiviert“, sagt Rosenblat. Einziger Ansprechpartner für die Fahrer sei dann ein Callcenter auf den Philippinen. „Uber beschäftigt zwar nur einen kleinen Teil der US-Arbeitnehmer, aber die Auswirkungen dieser Arbeitskultur sind viel größer“, sagt Rosenblat.

Auch Efstathios Michailidis kennt das Gefühl, von einem Computer Befehle zu bekommen. Er ist Betriebsratsvorsitzender bei Aqua Römer, einem Mineralwasserabfüller im schwäbischen Göppingen. „Bei uns steuert Mary 100 Beschäftigte“, sagt Michailidis. Mary ist eine Künstliche Intelligenz, die mit tausenden Sensoren unter anderem das Lager im Blick hat und den Mitarbeitern via Kopfhörer sagt, was sie tun sollen.

„Als uns die Einführung angekündigt wurde, haben wir sofort mit Streik gedroht“, erzählt Michailidis. Zu groß sei die Angst gewesen, dass Mary die einzelnen Mitarbeiter persönlich beurteilen könnte. Schließlich habe die KI alle Daten, um zu wissen, wie lange der Einzelne für bestimmte Arbeitsschritte brauche. „Was ist, wenn ich zu langsam oder zu alt bin?“, beschreibt Michailidis eine der damaligen Sorgen.

In Göppingen definierten deshalb die Unternehmensführung und der Betriebsrat klare Regeln für den Einsatz von Mary. Die laufen darauf hinaus, dass Mary zur Steuerung des Betriebs zwar fast ungehemmt Daten sammelt, „die dürfen aber nicht ausgewertet werden“, erklärt Michailidis. Das Verbot einer Leistungskontrolle anhand der Daten sei durch eine Betriebsvereinbarung ausdrücklich festgeschrieben worden. „Es funktioniert gut“, sagt Michailidis heute über das Zusammenspiel mit Mary. Dank der Organisation durch die Künstliche Intelligenz würden die Mitarbeiter fast fehlerfrei arbeiten.

Reiner Hoffmann, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes, kennt das Beispiel Aqua Römer. Es zeige, dass Aushandlungsprozesse in der Sozialpartnerschaft nützlich sein, um die Digitalisierung zu gestalten, sagte Hofmann jüngst auf der Digitalkonferenz Re:publica. Dort betonte er, dass der Durchbruch bei Künstlicher Intelligenz für Arbeitnehmer viele Chancen biete. „Weniger Repetitives, weniger Verdichtung, mehr Effizienz“ führte Hoffmann als Argumente an. Die Vorteile würden allerdings nur dann überwiegen, wenn die Arbeitnehmer beim Einsatz neuer Technologien mitreden könnten.

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