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Es bleiben häufig blutende Wunden zurück: Zwei Hirtennomaden in Kaschmir beim Auskämmen der wertvollen Wolle.
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Es bleiben häufig blutende Wunden zurück: Zwei Hirtennomaden in Kaschmir beim Auskämmen der wertvollen Wolle.

Umwelt

Geschundene Tiere, karges Land

  • vonHanna Gersmann
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Ein kuscheliger Kaschmir-Pullover zu Weihnachten? Auch Kaufhäuser und Discounter bieten jetzt Ware aus dem edlen Garn zuhauf an. Doch Tiere und Umwelt leiden.

Sich was Gutes tun, sich einkuscheln, gerade jetzt, vor Weihnachten, in diesem Corona-Jahr: Warum sich nicht einen neuen Kaschmirpullover gönnen? Zumal: Das weiche Garn aus dem Unterhaar der Kaschmirziege liegt nicht mehr nur in edlen Boutiquen zu Verkauf aus. Kaschmirpullover stapeln sich auch auf den Tischen großer Kaufhäuser, selbst bei Discountern ist das einstige Luxusprodukt jetzt zu haben. Nur: Der Trend hat eine nicht so schöne Seite. Denn er schadet den Tieren, und die Natur leidet auch.

Ulrike Schempp ist Professorin für Textiltechnik an der HAW, der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Sie sagt: „Die Haltung von Kaschmirziegen ist eine Industrie geworden, die Raubbau betreibt.“ Mit der rapide gewachsenen Nachfrage – Deutschland gehört zu den vier größten Abnehmern mongolischer Kaschmirwolle weltweit – „leiden immer mehr Tiere“, erklärt auch Kathrin Zvonek vom Deutschen Tierschutzbund: „Die Wollgewinnung ist für sie sehr schmerzhaft.“

Zwar gibt es für die Schnäppchenpreise mehrere Ursachen. Die Pullover sind zum Beispiel dünner, also mit weniger Garn gestrickt. Oder sie sind nicht aus Premiumkaschmir, sondern aus einer billigeren Qualität. Und sie sind nicht immer aus reinem Kaschmir, sondern mit anderem Material gemischt. Doch – egal ob billig oder teuer – entscheidend sei eine Zahl, sagt Zvonek: „27 Millionen“.

27 Millionen Kaschmirziegen werden heute auf den Weideflächen der Mongolei gehalten, sechsmal so viele wie früher – 1990 waren es noch 4,5 Millionen. Der Großteil des weltweit, auch in Deutschland gehandelten Kaschmirs kommt aus der Mongolei, auch aus China. Da die Ziegen das Gras mitsamt der Wurzel fräßen, wachse dort nun nicht mehr viel, erklärt Textilexpertin Schempp. Laut UN seien bereits bis zu 70 Prozent der Weidegründe in der Mongolei massiv überweidet. Schempp: „Flächen sind abgegrast, verwüsten, Sandstürme entstehen.“ Das sei aber nur das eine Problem, das andere: das Tierleid.

In der Mongolei können die Temperaturen im Winter auf minus 30 Grad Celsius absacken. Gegen die Eiseskälte ist die Kaschmirziege gut geschützt, im Herbst wächst ihr ein wärmendes Unterfell. Das ist langes und feines weiches Haar. Und wenn es im Frühjahr wieder wärmer wird, sich der Fellwechsel ankündigt, wird den Tieren dieses Unterfell ausgekämmt. Früher habe das fünf bis sechs Stunden gedauert, sagt Zvonek. Heute sei das anders – „eine Akkordarbeit“.

Bereits im Oktober 2019 machte die Tierschutzorganisation „Peta Asia“ Videoaufnahmen öffentlich, in denen eine ganz andere, eine rabiate Prozedur zu sehen ist. Da drücken Arbeiter blökende Kaschmirziegen gewaltsam zu Boden. „Sie reißen ihnen das Unterfell mit spitzen Metallkämmen regelrecht aus“ sagt Johanna Fuoß von Peta Deutschland – „in rund 50 Minuten pro Tier.“ Dokumentiert seien blutende Verletzungen, ausreichend versorgt würden die Wunden nicht.

„Für einen reinen Kaschmirpullover braucht es das Unterfell von drei bis vier Ziegen“, sagt Tierschützerin Zvonek. Die Hamburger Stiftung „Aid by Trade Foundation“, 2005 von dem Hamburger Unternehmer Michael Otto gegründet, hat mittlerweile einen Leitfaden für nachhaltiges Kaschmir entwickelt: „The Good Cashmere Standard“. Darin ist vorgeschrieben, wie eine schonendere Haltung der Tiere, der Schutz der Umwelt sowie die Arbeitsbedingungen der Bauern und angestellten Arbeiter gewährleistet werden sollen. Seit vergangener Woche liegen Pullis mit einem entsprechendem Etikett zum Beispiel bei Aldi in den Regalen. Andere Modefirmen wie Cos haben Ähnliches in diesem Winter ins Sortiment aufgenommen.

„Trotz des Standards leiden die Tiere weiterhin erhebliche Schmerzen“, sagt allerdings Zvonek, „denn das schmerzhafte Kämmen und die Fixierung der Tiere mit Seilen bleibt erlaubt.“ Sie rät, ganz auf Kaschmir zu verzichten – und statt dessen eine Alternative zu wählen: Biobaumwolle. Und wenn es unbedingt Wolle sein müsse, dann sei Schafswolle aus Deutschland besser. Denn hierzulande gäbe es immerhin gesetzliche Vorgaben zum Tierschutz und eine adäquate tiermedizinische Versorgung.

„Die Modeindustrie wird nicht so schnell komplett auf Kaschmir verzichten“, sagt indes Tina Stridde, die Geschäftsführerin des „The Good Cashmere Standard“. Und weiter: „Wir finden es besser, uns stattdessen für mehr Tierwohl in Haltung und Schur der Ziegen einzusetzen. Wir schließen die Kämmprozedur nicht aus, wir schreiben aber zum Beispiel vor, dass die Arbeiter dafür richtig ausgebildet werden und ihre Instrumente in Ordnung sein müssen.“

Bleibt am Ende noch ein Tipp der Textilexpertin Schempp. Sie meint, Verbraucher sollten sich öfter folgende Frage stellen: „Trage ich das eigentlich alles?“ Meistens läge der eine oder andere Kuschelpulli doch ohnehin schon im Schrank.

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