Technologiekonzern

Geschönte Bilanz

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Siemens ist für die Krise gerüstet - doch das gilt nur fürs Kerngeschäft.

Siemens klagt nicht. „Die Corona-Krise bietet für uns große Chancen“, erklärte Konzernchef in spe Roland Busch zur Vorlage eines Zwischenberichts in München. Die Digitalisierung der Wirtschaft werde beschleunigt und damit das eigene Geschäft begünstigt – zumindest perspektivisch. Sie werde auch eine tiefgreifende Neujustierung von Fertigung und Lieferketten nach sich ziehen. „In Hochlohnländern wird dann wieder mehr produziert“, glaubt der Manager, der Joe Kaeser spätestens im Februar an der Spitze des Technologiekonzerns ablösen wird und bereits das Wort führt. Bislang steuern die Münchner relativ robust durch die Krise, obwohl der aktuelle Quartalsgewinn um zwei Drittel auf noch knapp 700 Millionen Euro eingebrochen ist.

Gerade einmal 7400 der global 386 400 Siemensianer sind aber derzeit in Kurzarbeit. Stellenabbau wegen der Pandemie ist kein Thema. Der Umsatz im zweiten Geschäftsquartal von Januar bis März blieb bei 14,2 Milliarden Euro so gut wie konstant. Der Auftragseingang ist zwar um knapp ein Zehntel auf gut 15 Milliarden Euro gesunken, aber der gesamte Auftragsbestand steht auf Rekordniveau. Zählt man 11,4 Milliarden Euro Liquiditätsreserven dazu, scheint Siemens für die Krise gerüstet wie kaum ein anderer Konzern.

Das gilt allerdings nur für das eine Siemens mit Digital- und Bahntechnik als Kerngeschäft. Das andere Siemens ist die Abspaltung mit allen Energieaktivitäten namens Siemens Energy, die Kaeser als eine seiner letzten Amtshandlungen und trotz Pandemie diesen Herbst an die Börse bringen will. Ein Börsengang im herkömmlichen Sinn ist es nicht. Der wäre nicht mehr möglich. Die Aktien von Siemens Energy werden im September bestehenden Siemens-Aktionären vielmehr als Sachdividende ins Depot gebucht. Wie es aktuell geschäftlich um die Abspaltung bestellt ist, verschweigen Busch und Kaeser. Dazu verpflichten sie Börsenregularien wegen der Nähe des Börsengangs.

Unglücklich ist das Duo wohl kaum über die Stillhalteverpflichtung. Siemens Energy ist ein defizitärer Sanierungsfall, dessen Ausklammern die Bilanz der Mutter schönt. 317 Millionen Euro Verlust haben „nicht fortgeführte Aktivitäten“ im zweiten Siemens-Quartal verbucht. Unter diesem Begriff wird Siemens Energy subsummiert.

Bei dem Defizit wird es nicht bleiben. Erst im laufenden dritten Geschäftsquartal werde die Pandemie auch bei Siemens ihre volle Negativwirkung entfalten, räumte Kaeser ein. „Wir gehen von einer längeren Bodenbildung aus“, sagt er zur Dauer des Einbruchs. Im Gesamtjahr rechnet Siemens nun mit einem moderaten Umsatzrückgang. Eine neue Gewinnprognose gibt es aber nicht. Die alte wurde kassiert.

Wie es bei Siemens Energy weitergeht, lässt die Konzernspitze völlig offen und verweist auf einen für Ende Mai geplanten Abspaltungsbericht. Es könnte ein Dokument des Grauens werden. Mit dem schon vor der Pandemie maroden Energiegeschäft spaltet Siemens etwa ein Drittel des Konzerns ab. Im Auftragsbestand entfallen sogar 81 Milliarden Euro an den Börsenkandidaten gegenüber 69 Milliarden Euro, die im Mutterkonzern verbleiben. Einen ungünstigeren Zeitpunkt für den Börsengang eines solchen Kalibers wie Siemens Energy dürfte es historisch kaum gegeben haben.

Auch Tochter Flender, Weltmarktführerin für mechanische Antriebssysteme mit 8.500 Beschäftigten und zwei Milliarden Euro Jahresumsatz, will Siemens per Abspaltung frühestens 2021 an die Börse bringen. Der bei weitem größere Brocken ist Siemens Energy. Am 9. Juli muss eine außerordentliche Siemens-Hauptversammlung final über diesen Großbörsengang entscheiden. Das Treffen der Aktionäre wird rein online über die Bühne gehen, was Kritik erschwert. Dem Management dürfte das nur willkommen sein.

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