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Geschäft mit dem Schattenmann

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Von: Martin Dahms

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Fast 5,8 Milliarden Euro legt Fresenius für den Zukauf in Spanien auf den Tisch.
Fast 5,8 Milliarden Euro legt Fresenius für den Zukauf in Spanien auf den Tisch. © Frank Rumpenhorst/dpa

Fresenius kauft die größte spanische Krankenhauskette und zahlt dafür mehrere Milliarden Euro. Es ist die bisher teuerste Übernahme des Konzerns.

„Ich kann meine Ursprünge nicht verleugnen: Ich bin ein Verfechter des öffentlichen Gesundheitswesens.“ Víctor Madera spricht nicht viel in der Öffentlichkeit. Es gibt nur wenige Zitate von ihm, und dass er in einem davon ausgerechnet das öffentliche Gesundheitswesen verteidigt, ist zumindest bemerkenswert. Vielleicht liegt es daran, dass er mit diesem System sehr viel Geld verdient. Das Unternehmen, dem er geschäftsführend vorsteht, Quirónsalud, rechnet in diesem Jahr mit einem Betriebsgewinn von 460 bis 480 Millionen Euro, bei einem Umsatz von rund 2,5 Milliarden Euro. Das ist eine wunderbare Marge. Das Geld kommt zum großen Teil von den Spaniern, die mit ihren Steuern das öffentliche Gesundheitswesen finanzieren, das wiederum Quirónsalud finanziert. Ein gutes Geschäft.

Wenn die Kartellbehörden einverstanden sind, wird Quirónsalud bald dem Bad Homburger Gesundheitskonzern Fresenius gehören. 5,76 Milliarden Euro wollen die Hessen den jetzigen Besitzern bezahlen: dem Beteiligungsfonds CVC und dem Management von Quirónsalud. Víctor Madera soll Fresenius-Aktien im Wert von 400 Millionen Euro erhalten, und der Kette treu bleiben, um weiterhin gute Geschäfte mit der öffentlichen Hand zu machen.

In aller Stille ein Imperium aufgebaut

Madera, Jahrgang 1962, gebürtig aus dem nordspanischen Asturien, ist den meisten Spaniern kein Begriff. Der gelernte Sportmediziner hat in den vergangenen 18 Jahren in aller Stille sein Gesundheitsimperium errichtet: ein Unternehmen, das 43 Krankenhäuser mit gut 6200 Betten, 39 ambulante Kliniken und mehr als 300 Zentren für betriebliche Gesundheitsvorsorge betreibt. Er beschäftigt rund 35 000 Leute. Und macht wenig Wirbel. Die Netzzeitung „El Confidencial“ nannte ihn einmal den „Gesundheitsminister im Schatten“.

Ein paar Leute kennen den Namen Madera natürlich doch. Für seine Kritiker ist er „der Verantwortliche, der sichtbare Kopf, der Ausführende der Privatisierungspolitik der öffentlichen Gesundheit“. So steht es in einem Blog, das sich Madera widmet und kein gutes Haar an ihm lässt. Er mache „enorme Gewinne“, indem er die Qualität der Gesundheitsversorgung verschlechtere. Madera sieht das selbstredend anders.

Ihr öffentliches Gesundheitssystem ist eine der wenigen sozialen Errungenschaften, auf die die Spanier ziemlich stolz sind. Jeder Spanier hat Anspruch auf kostenlose Behandlung in den ambulanten Kliniken mit ihren Allgemein- und Fachärzten und in den Krankenhäusern dieses Systems. Die Behandlung ist gut und medizinisch auf der Höhe der Zeit. Der größte Schwachpunkt des Systems sind immer wieder lange Wartezeiten für Operationen oder aufwändigere Diagnosen.

Hier sprang 1998 Víctor Madera ein: Er übernahm eine Gruppe kleiner Privatkliniken in Kastilien-La Mancha, die im Auftrag und auf Rechnung des öffentlichen Gesundheitsdienstes Patienten von den Wartelisten der öffentlichen Krankenhäuser behandelten. Im Laufe der Jahre weitete er das Geschäft auf die meisten anderen spanischen Regionen aus. Immer mehr Gesundheitspolitiker ließen sich davon überzeugen, dass sie ihre Gesundheitseinrichtungen nicht selbst betreiben müssten. Sie zahlten zwar weiter, überließen das Management aber Privatklinikbetreibern. Madera war und ist der größte von ihnen.

Über die schleichende Privatisierung des spanischen Gesundheitssystems ist spätestens seit Beginn der schweren Wirtschaftskrise 2008 ein ideologischer Streit entbrannt: Wer so viel Gewinn wie Madera macht, kann das nur zu Lasten der Allgemeinheit tun, glauben seine Kritiker. Er selbst hält sich einfach für einen guten Manager. Und verteidigt weiter das öffentliche Gesundheitswesen.

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