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Branko Milanovic gilt als einer der renommiertesten Forscher zu Themen Ungleichheit und Armut.

Arm und Reich

Gerechtigkeitsdebatte: „Mit dem Vorwurf Neid soll schlicht Kritik unterbunden werden“

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Der Ökonom Branko Milanovic Über Ungleichheit, Umverteilung und warum Neid nicht per se unvernünftig ist.

Seit etwa 30 Jahren beschäftigt sich Branko Milanovic mit Fragen von Ungleichheit und Verteilung, und mit dem Teilen hat er offensichtlich kein Problem: „Hallo, was möchten Sie trinken?“, begrüßt er mich in einem Café im Prenzlauer Berg, zückt sein Portemonnaie und geht zur Kasse. Schon zu Zeiten der Sozialistischen Volksrepublik Jugoslawien hat Milanovic sich bei den Eliten unbeliebt gemacht mit seinen Untersuchungen zur Ungleichheit und Armut. Heute ist das kaum anders – jede Beschwerde über die Schere zwischen Arm und Reich wird gekontert mit der Kritik, hier würden nur Neid und Populismus geschürt. „Dabei kann niemand sagen, wo der Unterschied liegt zwischen Neid und verletztem Gerechtigkeitsempfinden“, sagt Milanovic.

Herr Milanovic, global, also zwischen den Ländern der Welt, nimmt die Ungleichheit ab. Innerhalb der Länder jedoch nimmt die Ungleichheit zu. Viele Ihrer Ökonomen-Kollegen finden das unbedenklich. Warum?
Da gibt es verschiedene Argumentationen. Die eine beruht auf der Annahme, dass Ungleichheit mit zunehmender wirtschaftlicher Entwicklung abnimmt und sich das Problem so von allein löst – eine Annahme, die mittlerweile als widerlegt gelten darf. Andere Ökonomen sagen: Es braucht den Reichtum einiger, da zum Wachstum reichere Menschen nötig sind, die Geld übrig haben, das sie investieren, um noch reicher zu werden, wovon wiederum alle profitieren. Wieder andere sagen: Die ungleiche Verteilung ist kein Problem, solange die Wirtschaft wächst und alle sich besser stellen. Sprich: Was kümmert die Armen der Reichtum der anderen, solange ihr eigenes Einkommen wächst.

China ist dafür ein gutes Beispiel. Die Ungleichheit hat enorm zugenommen, gleichzeitig geht es den Armen im Durchschnitt aber immer besser. Was ist daran verkehrt?
Das instrumentelle Argument lautet: Ungleichheit schadet ab einem bestimmten Punkt dem Wirtschaftswachstum. Denn Arme haben schlechtere Chancen, ihre Armut vererben sie auf ihre Kinder. Die Reichen dagegen verfügen über Macht und mehr politischen Einfluss, den sie zur Mehrung ihres Reichtums einsetzen. So verfestigt sich die Benachteiligung bestimmter Schichten über Generationen hinweg. Die Wirtschaftsleistung mag gleichzeitig zwar wachsen, aber das nützt vor allem den Wohlhabenden. Die soziale Instabilität, die daraus resultiert, verschlechtert die Investitionsbedingungen und schadet so dem Wirtschaftswachstum.

Soziale Instabilität resultiert aber nur aus der Ungleichheit, wenn die Menschen sich über sie beschweren. Wenn sie die Verteilung also als ungerechtfertigt empfinden. Genau das aber kritisieren jene Ökonomen, die sagen, die Armen sollten sich nicht mit den Reichen vergleichen, sondern nur schauen, ob es ihnen selbst besser geht.
Menschen vergleichen sich aber nun mal mit anderen. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen den Vergleich, um uns zurecht zu finden. Ohne Vergleich mit anderen kann ich nicht bestimmen, ob ich klug bin oder dumm, schnell oder langsam, dick oder dünn. Auch unsere ureigensten Bedürfnisse sind gesellschaftlich bestimmt – vor 100 Jahren hätte ich andere Dinge gebraucht als heute, in New York sind die Bedürfnisse andere als in Timbuktu. Brauche ich ein Smartphone? Heute schon, vor 20 Jahren nicht, denn da gab es keine. Kein Mensch lebt für sich allein. Selbst die Aussage „Ich profitiere vom Wirtschaftswachstum, denn ich habe heute mehr Geld“ basiert auf einem Vergleich des eigenen Einkommens zu einem früheren Zeitpunkt.

Aber vielleicht ist gerade der Vergleich mit anderen Personen ein Fehler. „Vergleiche dein Leben nicht mit anderen“, lautet eine Volksweisheit, „es gibt keinen Vergleich zwischen der Sonne und dem Mond, denn beide scheinen zu ihrer Zeit.“
Es geht doch nicht um den Vergleich zweier gänzlich unterschiedlicher Dinge wie Sonne und Mond. Die Relationen, von denen ich spreche, kennen immer ein Maß: Man vergleicht sich ja nicht mit einer Antilope und auch nicht mit einem Bauern aus dem 15. Jahrhundert, sondern mit Menschen, die heute leben. Nur durch diese Gegenüberstellung kann ich bestimmen, ob 1000 Euro viel oder wenig sind. Basis des Vergleichs ist die allgemein akzeptierte Idee der Aufklärung, dass wir als Menschen eigentlich alle gleich sind. Demokratie und Menschenrechte beruhen auf dieser Idee der Gleichheit. Jede materielle Ungleichheit bedarf daher einer glaubhaften Legitimation, damit sie akzeptiert wird.

Wirtschaftsliberale Kreise sehen das anders. Für sie speist sich Kritik an der Ungleichheit aus purem Neid auf den Reichtum der anderen.
Neid gilt als Sünde gegenüber der herrschenden Verteilung von Reichtum, die Ergebnis des Marktes ist und damit als geradezu gottgegeben dargestellt wird. Mit „Sünde“ betreten wir die Sphäre von Moral und Ethik: Das ist nicht das Gebiet von Ökonomen, die sollten darüber eher schweigen.

Neid ist doch aber nichts Gutes.
Das mag sein. Aber den Menschen zu verbessern, das können wir Philosophen oder der Kirche überlassen. Doch ist Neid überhaupt böse? Des einen Neid ist des anderen Gerechtigkeitsgefühl. Einen Unterschied in der Sache gibt es nicht, nur in ihrer Bewertung. Mit dem Vorwurf „Neid“ soll schlicht Kritik unterbunden werden. Außerdem ist es unlogisch, den Menschen einerseits Neid vorzuwerfen und sie gleichzeitig dazu aufzufordern, froh zu sein, dass es ihnen besser geht als Menschen in Afrika. Ebenso unlogisch ist es übrigens, Armut zu beklagen und Kritik an Ungleichheit zu verbieten.

Erklären Sie das bitte.
Wenn Ungleichheit uns nicht kümmern würde, warum sollten wir uns dann um Armut sorgen? Denn Armut ist immer relativ: Bestimmte Menschen haben sehr wenig und das heißt: viel weniger als andere oder viel weniger als heutzutage üblich. Damit sind wir wieder beim Vergleich. Entweder mir ist egal, wie viel andere haben und es zählt nur, was ich habe – dann ist mir auch die Armut egal. Oder ich sorge mich um jene Armen, die weniger haben als andere – dann vergleiche ich und die Ungleichheit wird mein Thema. Es ist inkonsistent zu sagen: Die Armut, also der Geldmangel einiger Menschen ist ein Problem, aber der Reichtum anderer soll uns gleichgültig sein.

Zur Person

Branko Milanovic gilt als einer der renommiertesten Forscher zu Themen Ungleichheit und Armut. Milanovic wurde 1953 in Belgrad geboren, studierte dort Wirtschaft und promovierte über die soziale Ungleichheit im kommunistischen Jugoslawien.

20 Jahre arbeitete Milanovic als Ökonom und Chefökonom in der Forschungsabteilung der Weltbank und hatte verschiedene Gast-Professuren. Heute arbeitet er als Dozent am City University of New York Graduate Center. 

Warum ist diese Haltung dann so verbreitet?
Verbreitet ist sie eher bei den Reichen und ihren politischen Vertretern. Ich würde mich trauen zu sagen: Die vorgetragene Sorge um die Armut ist der Preis, den die Wohlhabenden bereit sind zu zahlen, damit niemand ihren Wohlstand in Frage stellt. Sie betreiben eine Art soziale Geldwäsche, ähnlich wie jene Milliardäre, die gemeinnützige Stiftungen gründen: Ausgerechnet die Zurschaustellung ihres Reichtums soll diesen legitimieren.

Noch einmal zurück zum Neid: Er resultiert aus einem Vergleich zu anderen, die mehr haben. Und er würde verschwinden, wenn andere weniger hätten – was gleichzeitig aber das eigene Einkommen gar nicht erhöhen würde. Das ist nicht vernünftig.
Ich sage ja nur, dass Neid menschlich und im Kern nicht per se unvernünftig ist. Die Vernunft hat aber natürlich eine Grenze. Das Problem der Armut können wir nicht allein durch radikale Umverteilung von Reich zu Arm lösen. Um ein Beispiel zu geben: Wenn wir von der derzeitigen Weltwirtschaftsleistung ausgehen und uns zum Ziel setzen, die gegenwärtigen Einkommen so zu umzuverteilen, dass jeder Mensch in etwa so viel hat wie ein mittlerer Einkommensbezieher im Westen, dann müssten die weltweit reichsten 27 Prozent der Menschen – fast alle davon leben im Westen – auf etwa zwei Drittel ihres Einkommens verzichten. Damit will ich sagen: Dass viele Menschen wenig haben, liegt an der Art, wie wir wirtschaften – und nicht allein daran, dass einige wenige so viel Geld haben, das bloß umverteilt werden müsste.

Ist also Wirtschaftswachstum die Lösung?
Ein weiteres Beispiel: Wenn wir die globale Ungleichheit beseitigen und garantieren wollten, dass alle Menschen über ein Einkommen auf dem mittleren Niveau des Westens verfügen, dann müssten wir die globale Wirtschaftsleistung verdreifachen. Selbst wenn dies möglich wäre, bliebe die Frage, ob der Planet das aushalten würde.

Wenn es über mehr Wirtschaftsleistung nicht funktioniert, dann vielleicht über eine andere Art des Wirtschaftens? Stichwort sozial-ökologische Wende.
Das ist ein langfristiges und großes Projekt. Bis das erreicht ist, müssen wir uns wohl mit Umverteilungsmechanismen begnügen. Die Möglichkeiten sind hier allerdings eingeschränkt. Die Besteuerung des Reichtums oder deutliche Lohnerhöhungen sind schwierig, weil das Kapital mobil ist und fliehen kann. Gelegenheiten dazu hat es, da viele Standorte die Investoren mit geringen Kosten, Löhnen und Sozialabgaben zu locken versuchen.

Was bleibt übrig?
Verbesserte Ausbildung der Menschen, die höhere Besteuerung von Erbschaften…

...wogegen viele Menschen sind, weil sie einwenden, vererbtes Vermögen sei doch bereits besteuert worden.
Ein schwaches Argument. Wenn ich mit meinem versteuerten Geld einkaufen gehe, wird es ja auch wieder besteuert. Noch wichtiger als Steuern finde ich aber eine breitere Verteilung des Kapitals und seiner Erträge. Das berührt allerdings die heikle Frage des Eigentums an Kapital. Eine Patentlösung habe ich hier auch nicht. Aber ich denke, dass die Umverteilung des Produktivvermögens extrem wichtig wäre, um die Ungleichheit zu bekämpfen.

Warum?
Ein wesentlicher Grund für den Anstieg der Ungleichheit ist: Je reicher Ökonomien werden, um so mehr steigt das Verhältnis der Vermögen zu den Einkommen. Damit steigt auch der Anteil der Vermögenseinkommen an den gesamten Einkommen. Weil der Vermögensbesitz stark konzentriert ist, kommen diese Vermögenseinkommen nur relativ wenigen zu Gute. In der Folge steigt die Ungleichheit weiter. Eine Umverteilung würde diesen Effekt abmildern oder sogar verhindern. Ein Gedankenexperiment: Wäre der Vermögensbesitz über alle Menschen gleich verteilt, dann würden steigende Vermögenseinkommen die Ungleichheit nicht mehr erhöhen.

Unbeliebt haben Sie sich mit ihren Forschungen auch schon im sozialistischen Jugoslawien gemacht, in dem es einen so immensen Reichtum wie heute gar nicht gab. Wo ist der Unterschied zu heute?
Damals mochten die Herrschenden und ihre Gefolgsleute meine Arbeit nicht, weil sie den Mythos untergrub, in der neuen Gesellschaft herrsche universelle Gleichheit. Ihr Sozialismus sollte perfekt sein. Als ich dann in einer kapitalistischen Gesellschaft lebte, hieß es, jede Ungleichheit sei gerechtfertigt, weil marktgegeben, wobei der Markt die Rolle Gottes übernahm. Die Eliten in beiden Systemen waren sich darin einig, dass Studien zur Ungleichheit störend sind. Denn im real existierenden Sozialismus zeigten sie, dass es Ungleichheit gibt. Und im Kapitalismus warfen sie die Frage auf, ob das Niveau der Ungleichheit akzeptabel ist.

Interview: Stephan Kaufmann

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