Betriebsschließung: Manche Gastwirte nahmen’s mit Humor. 
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Betriebsschließung: Manche Gastwirte nahmen’s mit Humor. 

Betriebsschließungsversicherung

Geprellte Gastronomen

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
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Viele Versicherer wollten bei Betriebsschließungen wegen Corona nicht zahlen. Die HDI zählte zu den Ausnahmen und ist jetzt sehr gefragt.

Diese Police hat es in der Pandemie zu fragwürdiger Berühmtheit gebracht: Betriebsschließungsversicherungen (BSV) sichern vor allem Gastronomen gegen Umsatzausfall ab, wenn Behörden eine Kneipe dichtmachen. Gut 70 000 Policen dieser Art waren hierzulande aktiv, als die Corona-Welle nach Deutschland geschwappt ist. Aber nur wenige Versicherer wollten mit Verweis auf Kleingedrucktes Schadenersatz leisten.

Der Streit über die BSV tobt bis heute und hat Gerichte erreicht. Zudem wurden die Policen im März vom Markt genommen. Die HDI in Hannover hat nun als erster Versicherer die BSV in veränderter Form wieder im Angebot und erfreut sich reger Nachfrage.

„Ein Großteil unserer Kunden hat die neuen Bedingungen bereits angenommen“, sagt der Chef der HDI Versicherungs AG, Christoph Wetzel. Dazu komme signifikante Nachfrage von Firmen aus lebensmittelnahen Branchen, die bisher nicht bei HDI versichert waren. Die Hannoveraner jagen der Konkurrenz Kunden ab, was nicht verwundert. Denn HDI ist einer der wenigen Versicherer, die in der Corona-Pandemie anstandslos Schadenersatz leisten.

Von den rund 2100 Fällen, die HDI gemeldet wurden, ist bislang die Hälfte reguliert. „Bisher wurden durch die HDI-Versicherung auf Grundlage der BSV rund 40,9 Millionen Euro an Schadenzahlungen geleistet“, sagt Wetzel. Die Pandemie treffe HDI hart, aber nicht ins Mark. Die Schadensummen seien erheblich, aber tragbar. Versichert waren in der Regel maximal drei Viertel eines Tagesumsatzes, limitiert auf 30 Schließungstage. Das ist branchenüblich. Eher unüblich ist aber, dass ein Versicherer zahlt.

Das Gros der Branche sperrt sich und konnte nur durch Druck zu einem Kompromiss gebracht werden, den Versicherte vielfach als faul empfinden. Er sieht eine Begrenzung der Schadenersatzpflicht auf maximal 15 Prozent der vereinbarten Tagessätze vor. Sich geprellt fühlende und um ihre Existenz bangende Gastronomen ziehen deshalb gerade vor den Kadi. Ihre Chancen stehen nicht schlecht. Das Landgericht Mannheim hat Ende April ein erstes Urteil zugunsten eines Versicherten gefällt.

Sich verweigernde Versicherer sagen, dass in Versicherungsbedingungen das Coronavirus nicht explizit als Versicherungsfall benannt wurde. Auf Versicherungsrecht spezialisierte Anwälte sind dagegen der Meinung, dass alles versichert ist, was nicht ausdrücklich ausgeschlossen wurde. Auch HDI und einige andere Konzerne denken so und zahlen.

Das teilt den Markt. „Ich bin überzeugt, dass Makler und Versicherungskunden, die die Diskussion um die BSV verfolgt haben oder sogar selbst betroffen sind, bei künftigen Abschlüssen stärker berücksichtigen, wie sich ein Versicherer im Einzelfall verhält“, sagt Wetzel.

In der Neufassung der BSV hat HDI aber Schadenersatz ausgeschlossen, falls Behörden per Allgemeinverfügung flächendeckend Betriebe schließen. Falls ein einzelner Betrieb dichtmachen muss, weil dort eine Krankheit grassiert, besteht Versicherungsschutz. Das gilt auch, wenn in einem Mastbetrieb Schweinepest oder Vogelgrippe umgehen und deshalb Nachbarbetriebe schließen müssen. So wie HDI nun die Bedingungen formuliert, war die BSV branchenweit wohl schon immer gemeint.

Wenn Behörden für ein ganzes Land wegen einer Pandemie alle Wirtshäuser schließen, sei das privatwirtschaftlich allein nicht versicherbar, stellt Wetzel klar. „Ein so umfassender Schutz würde vor dem Hintergrund der aktuellen Erfahrungen mit Corona mehr als das Zehnfache einer aktuellen Deckung kosten müssen“, sagt HDI-Manager Wetzel. Das könne sich niemand leisten. Bezahlbar bliebe es aber, wenn der Staat mitfinanziere und der Kapitalmarkt als Risikoträger einbezogen werde. An einer solchen Lösung arbeite die Branche gerade.

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