Genossenschaften

Genossen, zur Antenne!

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Friedrich Raiffeisens Motto vor 200 Jahren war: „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele.“ Die Idee ist lebendiger denn je, zeigt eine „Breitbandgenossenschaft“.

Es musste dringend etwas passieren“, sagt Katrin Lipps. „Die Kameras liefern eine riesige Datenflut, aber sie zu übertragen, das klappte einfach nicht“, erzählt die Geschäftsführerin eines Energieunternehmens in Hagen, das in Nordrhein-Westfalen unter anderem 35 Tankstellen für Lkw betreibt. Video-Überwachung ist üblich bei den Anlagen, die vollautomatisiert und ohne Personal funktionieren. Die gesammelten Daten der Kameras in die Firmenzentrale im Hagener Gewerbegebiet „Lennetal“ zu übertragen, dauert viel zu lange. Der schwache Internet-Anschluss gab das einfach nicht her. So blieb nur eins – die Daten auf CD-ROMs zu brennen und die Datenträger regelmäßig von den Tankstellen abzuholen. Lipps: „Ein irrer Aufwand.“

Nun läuft das anders. Die Firma Lipps Energie ist ans schnelle Internet angebunden, allerdings nicht, wie sonst bei Unternehmen oft üblich, per Glasfaser-Kabel, sondern über ein Richtfunknetz. Vor zwei Wochen hat dieses den Betrieb aufgenommen – und damit bricht für viele Firmen in dem Gewerbegebiet in ein ganz neues Zeitalter an. „Wir können ganz anders arbeiten“, sagt die Firmenchefin. So werden zum Beispiel die Heizöl-Fahrer des Unternehmens für die Kunden-Belieferung mit Tablets ausgerüstet, die online mit der Zentrale verbunden sind. Die herkömmlichen Papier-Lieferscheine haben nun ausgedient. Und die Server des Unternehmens stehen nicht mehr in Hagen, sondern sind ausgelagert in eine Cloud-Farm nach Frankfurt. Der Zugriff läuft per Internet.

Dass es das neue Zeitalter überhaupt gibt, verdanken Lipps Energie und 19 weitere Unternehmen – sich selbst. Das schnelle Internet wird im Gewerbegebiet Lennetal nämlich nicht von einem klassischen Anbieter wie Telekom oder Vodafone betrieben, sondern von einer Genossenschaft, in der die 20 Firmen Mitglied sind, der „Breitbandgenossenschaft Hagen eG“. Es war eine Hilfe-zur-Selbsthilfe-Aktion, mit der die „Genossen“ sich nach Jahren des Kampfes um eine vernünftige Daten-Anbindung selbst aus der Internet-Steinzeit in die Neuzeit katapultierten.

Die Klage ist alt. Auf dem flachen Land ist schnelles Internet immer noch selten. Doch bisher war das auch in Hagen-Lennetal so. Dabei ist Hagen mit knapp 190 000 Einwohnern eine Großstadt und das Gewerbegebiet quasi die Lebensader der südwestfälischen Kommune. Hier haben 220 der insgesamt tätigen 250 Unternehmen ihren Sitz. Stahl- und Metallverarbeitung dominieren, ergänzt durch viele Handwerks-, Handels- und Dienstleistungsbetriebe, meist sind es kleine und mittelständische Unternehmen. Das Problem: Das in den 1970er Jahren ausgewiesene Gewerbegebiet im Osten der Stadt ist mit 350 Hektar Fläche sehr weitläufig. Daher ist es sehr teuer, die Firmen mit Glasfaser-Leistungen anzubinden, die neu im Boden verlegt werden müssen.

Bisher waren bestenfalls zehn Prozent der Firmen mit Bandbreiten von mindestens 50 Mbit pro Sekunde versorgt. „Die kommerziellen Internetprovider haben sich nur die Filetstücke herausgegriffen, die großen Firmen mit sehr hohem Datenvolumen“, berichtet Michael Hösterey, der Vorstandschef der 2016 gegründeten Genossenschaft. Alle anderen schauten in die Röhre. Die Erfahrungen waren ernüchternd. Es ging laut den Unternehmern so: Entweder Telekom und Co. waren gar nicht interessiert, wenn angefragt wurde. Oder sie verlangten horrende Anschlusskosten, die die Budgets kleinerer Firmen sprengten. Oder sie zeigten sich zwar interessiert, sagten dann aber nach monatelanger Prüfung doch ab. Lennetal drohte weiter der große weiße Fleck im Breitwand-Atlas zu bleiben.

„Es wurde kritisch“, sagt Hösterey, der in Hagen ein Steuerberatungsbüro betreibt und bei den Hagener „Wirtschaftsjunioren“ aktiv ist. Die Sorge um die Attraktivität des Wirtschaftsstandort trieb ihn um. Mittelfristig drohten ohne schnelles Internet trotz guter Konjunktur sogar Jobs verloren zu gehen, angesichts der Konkurrenz, die anderswo bessere Rahmenbedingungen hat. „Wir dachten, wir müssen selber etwas tun, wenn uns sonst keiner hilft.“

Die zündende Idee kam Hösterey und Co., als es bei einem Treffen der Wirtschaftsjunioren um die genossenschaftliche Rechtsform ging. Mehrere Dutzend Unternehmen zeigten sich interessiert, bei einer „Breitbandgenossenschaft“ mitzumachen. So kam die Sache ins Laufen. Hagens Oberbürgermeister Erik O. Schulz (parteilos) unterstützte das Projekt, ebenso die Wirtschaftsförderung der Stadt sowie die IHK, und die NRW-Landesregierung gab Geld für eine Machbarkeitsstudie. Doch so einfach, wie zuerst gedacht, war es dann doch wieder nicht. Fast drei Millionen Euro hätte die Glasfaser-Lösung gekostet, eine hohe Investition, die sich durch die Nutzergebühren der Genossen nicht hätten refinanzieren lassen. „Das war ein Tiefschlag“, erinnert sich Hösterey, „es war fast das Aus“.

Die Rettung kam durch den Schwenk auf die Richtfunk-Technologie. Hier reichten 300 000 Euro als Anfangsinvestition. „Der Richtfunk ist genauso gut und sicher wie das Glasfaser“, erläutert der Genossenschafts-Chef, „und man kann neue Kunden viel schneller anschließen.“ In Hagen wird mit drei Sendeantennen gearbeitet, eine auf der Feuerwehr, eine auf einem Hochhaus und eine auf einem eigenen Mast. Die Empfänger bei den Firmen sind unscheinbare, 15 Zentimeter große Teller-Antennen. Bis zu 50 Kilometer können damit überbrückt werden. Angst vor Strahlung müsse man nicht haben; die sei nur ein Drittel so stark wie bei Handy-Sendemasten.

Hösterey und Co. sind stolz, dass sie es trotz der Schwierigkeiten nun doch noch geschafft haben. Ohne die Genossenschaft gäbe es für die meisten in Lennetal kein Chance, auf schnelles Internet umzusteigen, und auch nicht zu so geringen Einstandskosten. Derzeit hat die „Breitband eG“ besagte 20 Mitgliedsunternehmen, die jeweils nur 2500 Euro als Genossenschaftsanteil einlegen mussten. „Unser Ziel sind mindestens 40 bis 60 Firmen“, bekundet der Vorstandschef. Pro Woche kämen ein, zwei Anfragen herein. Es sei also zu schaffen.

Viele hätten Vorurteile, wenn sie von Genossenschaften hörten, meint Hösterey. „Die denken gleich an Kommunismus und so.“ Das sei aber Unsinn. Für öffentliche Aufgaben wie beim Internet-Zugang in Lennetal, könne die genossenschaftliche Organisation durchaus ein zukunftsträchtiges, vorteilhaftes Modell sein, glaubt er. Hösterey baut auf seine Erfahrungen mit dem Projekt. Die demokratische Grundstruktur ermögliche ein vertrauensvolles Miteinander. Zudem sei die Genossenschaft nicht auf die Dividendenzahlung an Investoren ausgerichtet, und das führe zu einem unschlagbaren Kostenvorteil des genossenschaftlichen Betreibermodells: „Wir wollen ja keinen Gewinn machen, sondern nur die Kosten decken.“

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