Feldarbeit: Die Corona-Krise könnte die Zahl der Hungernden dramatisch steigen lassen.
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Feldarbeit: Die Corona-Krise könnte die Zahl der Hungernden dramatisch steigen lassen. 

Entwicklungshilfe

Generalsekretär der Welthungerhilfe warnt: „Die Ärmsten nicht im Stich lassen“

  • vonKai A. Struthoff
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Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe, über die Reform der Entwicklungsarbeit, drohende Hungersnot und Corona-Aufklärung mit Comics.

Die Corona-Pandemie verschärft die Lage in den ärmsten Ländern der Welt. Die Welthungerhilfe warnt davor, dass dadurch die Zahl der Hungernden von 820 Millionen wieder auf eine Milliarde Menschen weltweit steigen könnte. Ein Gespräch über Entwicklungshilfe in Corona-Zeiten mit dem Generalsekretär der Deutschen Welthungerhilfe, Mathias Mogge.

Herr Mogge, die Bundesregierung hat einen Kurswechsel in der Entwicklungshilfe angekündigt – weg vom Gießkannenprinzip, stattdessen soll gute Regierungsführung belohnt werden. Was sagt die Welthungerhilfe dazu?

Es ist sinnvoll, dass die Bundesregierung die Art ihrer Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern regelmäßig auf den Prüfstand stellt. Die Auswahlkriterien für die Länder sollten transparent sein, damit nicht der Eindruck entsteht, dass etwa wirtschaftspolitische Interessen im Mittelpunkt stehen. Wir sehen die Gefahr, dass dabei die am wenigsten entwickelten Länder hinten runterfallen. Es heißt zwar, dass in diesen Ländern private Hilfsorganisationen wie die Welthungerhilfe weiterarbeiten sollen. Wir befürchten aber, dass wir diese Herkulesaufgabe alleine nicht stemmen können.

Viele der Länder, die jetzt nicht mehr gefördert werden sollen, hängen seit Jahren am Tropf der Entwicklungshilfe, ohne dass sich etwas zum Besseren geändert hätte. Ist es da nicht sinnvoll, Druck zu machen und den Geldhahn abzudrehen?

Wir glauben, dass man auch in schwierigen Ländern, in denen Reformprozesse nur langsam vorangehen, trotzdem die Ärmsten der Armen nicht im Stich lassen darf. Deshalb kritisieren wir auch, dass es im Vorfeld der Neuordnung der deutschen Entwicklungshilfe keine ausreichende Abstimmung innerhalb der Geberlandschaft und mit den Hilfsorganisationen gab.

Ändert die Welthungerhilfe jetzt auch die Schwerpunkte ihrer Arbeit?

Wir wählen unsere Projektländer stets nach eigenen Kriterien aus. Die Welthungerhilfe bekämpft Hunger und Armut. Wir gehen nicht danach, wer besonders reformwillig ist, sondern wir helfen dort, wo die Not am Größten ist. Wir gehen aber davon aus, dass die Projekte von privaten Hilfsorganisationen trotz des Kurswechselns weiter gefördert werden. Ohnehin gibt es keine Globalförderung, sondern wir bemühen uns je nach Projekt bei unterschiedlichen Gebern wie dem Auswärtigen Amt, dem Entwicklungshilfeministerium oder der EU um Unterstützung. Deshalb sind für unsere Arbeit Spenden extrem wichtig. Und gerade jetzt, mitten in der Corona-Krise, brauchen all jene Länder, die über die geringsten Ressourcen, die schlechtesten Gesundheitssysteme, die schwächsten Widerstandskräfte verfügen, unsere Solidarität und Unterstützung, um Menschenleben zu retten.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf ihre Projekte vor Ort?

Manche Projekte wurden etwas reduziert, aber eigentlich läuft alles weiter. Einige Kollegen konnten nicht mehr in ihre Projektländer einreisen, weil die Flughäfen schon geschlossen waren. Aber die meisten unserer internationalen Mitarbeiter haben bewusst entschieden, weiter vor Ort zu bleiben, wohlwissend, dass sie über Monate nicht rauskommen. Außerdem haben wir auch 2500 nationale Mitarbeiter vor Ort, die weiterarbeiten.

Wie funktioniert es mit der Hygiene in Ländern, wo es kaum genug Trinkwasser, geschweige denn medizinische Ausrüstung gibt?

Es stimmt, in vielen Ländern fehlt es an allem. Trotzdem versuchen natürlich auch unsere Mitarbeiter, die Hygiene Standards einzuhalten und auch weiterzugeben. Und viele Regierungen sind durchaus aktiv und nehmen das Virus ernst. Das gilt vor allem auch für jene Länder, in denen bereits das Ebola-Virus gewütet hat. Dort ist man sich der Gefahr bewusst und reagiert entsprechend. Wir versuchen dabei zu helfen, wo immer es geht. So haben wir zum Beispiel einen Comic für Kinder und Jugendliche entwickelt, der in 25 Sprachen übersetzt wurde und zur Aufklärung dient. Wir arbeiten aber auch mit Radiosendern zusammen, oder ganz traditionell mit Megafonen. Wir verteilen Seife, bauen Handwaschanlagen. Die Not ist überall unheimlich groß.

Im Moment mobilisieren alle Länder Milliarden, um die eigene Wirtschaft zu stabilisieren. Bleibt da noch Geld für die Entwicklungshilfe übrig?

Das bleibt abzuwarten. Die viel größere Gefahr ist, dass die weltweite wirtschaftliche Rezession auch massive Auswirkungen auf die Situation in den Entwicklungsländern haben wird. Viele Investitionen wurden abgezogen, Lieferketten unterbrochen, die Nahrungsmittelpreise haben sich massiv erhöht, weil sich Importe verteuert haben. Das wird Auswirkungen auf das Armutsniveau und den Hunger in diesen Ländern haben.

Und damit vermutlich auch auf die Flüchtlingsströme?

Ja, womöglich werden sich auch die Konflikte verstärken, wenn die Ressourcen knapper werden. Die Menschen haben kein Geld und keine Reserven. Tagelöhner, die ohnehin von der Hand in den Mund leben, können nichts mehr erwirtschaften. Das treibt die Menschen in die Hände von Terrorgruppen oder auf die Flucht, weil es überall besser ist, als dort, wo sie gerade sind.

Die Corona-Krise verdrängt die Nachricht, dass Ostafrika zurzeit von einer furchtbaren Heuschreckenplage heimgesucht wird. Was bedeutet diese Doppel-Katastrophe für die Menschen am Horn von Afrika?

Das sind die schlimmsten Heuschreckenschwärme seit 70 Jahren. Sie haben im Moment leichtes Spiel – verstärkt durch Corona, weil es durch die Ausgangsbeschränkungen kaum möglich ist, die Eier der Heuschrecken wirkungsvoll zu bekämpfen, zumal auch Pestizide nicht geliefert werden. Diese Schwärme werden also weiter anwachsen, das letzte Grün wegfressen und die Hungersituation dort noch weiter verschärfen.

Viele Menschen bei uns haben im Moment große Sorgen, auch finanzieller Art. Wirkt sich das auf die Spendenbereitschaft aus?

Nein, bislang glücklicherweise bei uns noch nicht. Wir spüren vielmehr, eine deutliche Solidarität in der deutschen Gesellschaft. Vielleicht verstehen jetzt die Menschen bei uns besser, was passiert, wenn eine Epidemie wütet, was Quarantäne und Lockdown für den Einzelnen bedeuten. Vielleicht hat das Menschen bewogen, sich mit einer Spende solidarisch zu zeigen. Dafür sind wir unendlich dankbar. Und wir hoffen darauf, dass wir jetzt keinen Abbruch erleben. Wir brauchen einen langen Atem in dieser Krise.

Interview: Kai A. Struthoff

Die Deutsche Welthungerhilfe wurde 1962 gegründet und hat ihren Sitz in Bonn. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, Hunger und Armut aus der Welt zu schaffen und setzt dabei auf das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. Seit ihrer Gründung wurden mit mehr als 3,3 Milliarden Euro mehr als 8500 Hilfsprojekte in 70 Ländern unterstützt. 

Mathias Mogge ist 1964 in Göttingen geboren. Der Agrar-Ingenieur arbeitete für die Welthungerhilfe in Mali, Burkina Faso, Sierra Leone, Uganda, Äthiopien und im Sudan. 2018 wurde er zum Generalsekretär der Welthungerhilfe gewählt. Zuvor bekleidete er dort andere Führungspositionen. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bonn.

Schon vor einem Jahr sprach Welthungerhilfe-Präsidentin Marlehn Thieme über Investoren in Afrika, Spenden für Notre-Dame und den Schwung von Fridays for Future.

Moderne Sklaverei: Die Corona-Krise überrollt die globale Wirtschaft. Auf der Strecke bleiben nicht nur die großen Konzerne, sondern vor allem ihre Arbeiter. Zum Beispiel bei der Produktion von Handschuhen in Malaysia.

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