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Bayer ging es gut - dann übernahm das Unternehmen den US-Konzern Monsanto, seitdem stecken die Leverkusener in der Krise.

Traditionskonzerne

Gemeinsam schwach

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Bayer, Daimler, Deutsche Bank, Thyssen-Krupp, RWE, VW: Viele hiesige Traditionskonzerne stecken in der Krise. Hat die deutsche Wirtschaft ein grundsätzliches Problem?

Die Stimmung dreht sich. Neun Jahre ging es der bundesdeutschen Wirtschaft gut bis sehr gut. In manchen Jahren seit 2010 schien beinahe ein Idealzustand erreicht: solides Wachstum, starke Binnenkonjunktur, Millionen zusätzlicher Arbeitsplätze, steigende Einkommen. Doch seit einigen Monaten mehren sich die Anlässe für Ernüchterung. Neben insgesamt nachlassendem Wachstum stecken namhafte deutsche Großunternehmen in Problemen. Die Liste reicht von Bayer über Daimler, die Deutsche Bank bis zu Thyssen-Krupp und Volkswagen. Passiert da etwas Gefährliches? Und wenn ja, gibt es eine gemeinsame Erklärung für diese neuen Nöte der Konzerne?

Keine einfachen Fragen – Ökonomen sind auf der Suche nach Deutungen. Ihre Antworten fallen unterschiedlich aus. „Ein gemeinsames Muster für die Probleme großer einheimischer Aktiengesellschaften sehe ich nicht“, sagt Sebastian Dullien, der Chef des gewerkschaftlichen Instituts für Makroökonomie (IMK) in Düsseldorf. „Es handelt sich um jeweils spezifische Ursachen.“ Etwas anders betrachtet die Sache Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW): „Es gibt ein Muster. Dieses erklärt allerdings nicht das ganze Bild.“

Zunächst deutet die Lage in den einzelnen Unternehmen und Branchen tatsächlich auf jeweils spezifische Ursachen hin. Der Leverkusener Pharma- und Saatgut-Hersteller Bayer erwarb das US-Unternehmen Monsanto zum sehr hohen Preis von 63 Milliarden Dollar, unterschätzte dabei jedoch die Kosten erfolgreicher Schadenersatzklagen wegen möglicherweise krebserregender Monsanto-Pestizide.

Das Essener Traditionsunternehmen Thyssen-Krupp traf eine im Nachhinein falsche Investmententscheidung, indem es ein verlustbringendes Stahlwerk in Brasilien baute und später verkaufte.

Ganz anders liegen die Schwierigkeiten der Deutschen Bank. Die sucht nach einem einträglichen Geschäftsmodell, krankt zudem an ihrer Datenverarbeitung und dem ebenso teuren wie dysfunktionalen Investmentbanking. Die bundesdeutschen Fahrzeugproduzenten wiederum, vor allem Volkswagen mit seinen Töchtern Audi und Porsche, aber auch BMW und Daimler leiden unter dem von ihnen selbst verursachten Dieselbetrug. Außerdem stellt sich die Frage, ob sie zu spät begonnen haben, in die Elektrifizierung und Autonomisierung ihrer Autos zu investieren. Und die Energiekonzerne Eon und RWE bemühen sich immer noch, die Folgen der Energiewende hin zu regenerativen Quellen sowie den Abschied von der Kohle zu verkraften.

Wie soll man angesichts solcher Unterschiede gemeinsame Ursachen finden? Es sei denn, man beschränkt sich auf einen Befund, den kürzlich die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft E&Y lieferte. Demnach verzeichneten die großen europäischen Konzerne im vergangenen Jahr ein wesentlich geringeres Umsatz- und Gewinnwachstum als ihre US-amerikanischen und asiatischen Wettbewerber. Dazu passt der langfristige Trend: Während der Börsenindex S&P500 seit 2009 auf den vierfachen Wert gestiegen ist, schaffte es der deutsche Leitindex Dax auf das Doppelte. Zwar geht es aufwärts, andere sind aber schneller.

Unter dieser Oberfläche allerdings meint IfW-Chef Felbermayr, ein Muster zu erkennen: „Autohersteller, Geldinstitute wie Deutsche Bank und Commerzbank, außerdem einige Energieproduzenten wie Eon und RWE hatten in den vergangenen Jahren ihre Kosten nicht ausreichend unter Kontrolle.“ Die ausländischen Konkurrenten achteten teilweise mehr darauf, die Produktivität zu steigern, meint der Ökonom.

Hier mag sich der Fluch des Erfolgs bemerkbar machen. Die Bundesrepublik und ihre Konzerne erlebten nach der Finanzkrise eine außergewöhnliche Wohlstandsphase. Der Laden lief. Warum also allzu sehr auf die Sparbremse treten oder Neues ausprobieren? „Die großen deutschen Unternehmen fühlten sich lange Zeit auf der sicheren Seite“, sagt der Bremer Ökonom Rudolf Hickel. „Deswegen haben sie nicht genug in Innovationen investiert und ihre Geschäftsmodelle zu wenig modernisiert.“

Dabei stellt sich die Frage nach der Rolle des Staates. Hätte die Regierung die Unternehmen mehr an die Hand nehmen müssen, damit sie nicht müde werden? Wobei sich die Politik in einer Marktwirtschaft ja nicht in die Geschäftsmodelle einmischen, sondern nur den Rahmen vorgeben soll.

Bei der Autoindustrie fällt auf, dass Bundes- und Landespolitik dem Treiben der Unternehmen lange tatenlos zuschauten. Die Legislative und Exekutive schützten die Manager vor strengeren Abgasgrenzwerten und Prüfverfahren. Es bestand und besteht eine gewisse Interessenidentität. „Die Autobranche empfing wohl zu schwache Signale der Politik, ihre Richtung zu ändern“, sagt IMK-Chef Dullien.

Andererseits kann politische Einmischung auch hinderlich sein. Als Beispiel mag man die Energiekonzerne betrachten. „Im Falle der Energieproduzenten waren die politischen Rahmensetzungen zu widersprüchlich“, sagt Dullien. Gabriel Felbermayr sieht das ähnlich.

Beide Wissenschaftler spielen darauf an, dass die rot-grüne Bundesregierung den Atomausstieg in die Wege leitete, die schwarz-gelbe Regierung unter Angela Merkel ihn zunächst verschob, um ihn nach der Katastrophe von Fukushima zu beschleunigen. Angesichts solcher Entscheidungsprozesse fällt es Unternehmen schwer, eine konsistente Geschäftspolitik zu entwickeln. Unterlassene Investitionen in die Energiewende kann man ihnen deshalb nur zum Teil vorhalten.

Dafür, dass sich der momentane Blick auf manche große Firmen und die bundesdeutsche Ökonomie insgesamt verschiebt, mögen auch strukturelle Gründe eine Rolle spielen. Indem der Boom abklingt, fällt erstens auf: „Viele führende Firmen hierzulande sind in Traditionsbranchen unterwegs, in denen das Wachstum geringer ausfällt als beispielsweise in der Internet-Ökonomie“, so Hickel. Die beherrschenden Digitalunternehmen wie Apple, Amazon und Google sitzen in den USA. Außer SAP hat Deutschland auf dieser Ebene nicht viel zu bieten.

Zweitens: „Die deutsche Exportindustrie leidet besonders unter den internationalen Handelsstreits“, sagt Felbermayr, „sie ist an diesem Punkt angreifbarer als manche Wettbewerber in anderen Staaten.“

So ist die Ursachensuche im Gange. Festhalten kann man aber auch: Von einzelnen individuellen Problemen abgesehen, gibt es keine existenzielle Gesamtkrise großer deutscher Konzerne. Für die These, das deutsche Geschäftsmodell stehe zur Disposition, fehlen die Belege.

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