+
Eine Folge von vielen: Die Geldpolitik treibt die Mieten in die Höhe.

Sparkassenpräsident warnt

Folgen der Zinspolitik: „Die soziale Stabilität ist in Gefahr“

  • schließen

Hohe Immobilienpreise, mangelhafte Altersvorsorge, Negativzinsen auf Sparguthaben - Sparkassenpräsident Helmut Schleweis über die Folgen der aktuellen Geldpolitik. 

Die Mitarbeiter freuen sich: Helmut Schleweis läuft durch die neuen Räumlichkeiten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands in der Behrenstrasse in Berlin-Mitte. Er stoppt hier und da für ein kurzes Klönchen mit den Angestellten. Den neuen Newsroom – ein riesiges Großraumbüro in hippem Design - hat der Verband erst an diesem Tag bezogen. Überall wird noch gewerkelt. Die Besprechungsräume sind nach Berliner Stadtteilen benannt. Im Raum Haselhorst redet Schleweis bei einer Tasse schwarzem Kaffee über die Lage der Sparkassen und ihrer Kunden.

Herr Schleweis, die Finanzbranche in Deutschland klagt gerne und laut über die niedrigen Renditen, die sich hierzulande erzielen ließen. Aber mal ehrlich: Warum brauchen denn Banken unbedingt eine hohe Rendite? 
Die Sparkassen beteiligen sich weder an solchen Klagen, noch betreiben sie Gewinnmaximierung. Wir erfüllen unseren öffentlichen Auftrag und sorgen dafür, dass allen Bürgern und Unternehmen überall in Deutschland Finanzdienstleistungen angeboten werden. Da die Sparkassen ihre Kapitalausstattung allein erwirtschaften müssen, sind ausreichende Gewinne notwendig. Denn nur so können wir wachsen und die Bürger und Unternehmen – auch in schlechteren Zeiten – mit Krediten versorgen.

Sollten wir nicht viel häufiger über unseren Bankenmarkt jubeln? Denn die relativ niedrige Rentabilität der Geldhäuser geht ja auch darauf zurück, dass Bankprodukte für Verbraucher relativ günstig sind … 
Ja, für die Kunden ist Deutschland ein sehr effizienter Markt. Im europäischen Vergleich liegen etwa die Preise für Girokonten deutlich unter dem Durchschnitt. Entsprechend sind für Kreditinstitute aber auch die Verdienstmöglichkeiten geringer. Und trotzdem zeigt die Zahl der Wettbewerber, dass Deutschland ein sehr attraktiver Bankenmarkt ist.

Die Sparkassen jammern seit Jahren über die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Gleichzeitig verkünden sie jedes Jahr steigende Gewinne. Wie passt das zusammen?
Die Sparkassen erwirtschaften rund 70 Prozent ihrer Erträge aus der Zinsspanne – also aus der Differenz zwischen Einlagenzinsen und Kreditzinsen. Die EZB kauft in bisher nicht gekannten Größenordnungen Anleihen im Markt und drückt die Zinsen ins Negative. Deshalb ist die Zinsspanne der Kreditinstitute außerordentlich belastet. Die Sparkassen halten dagegen, indem sie Kosten senken. Man darf aber nicht vergessen, dass wir gerade aus einem zehnjährigen Zyklus kommen, in dem es der Wirtschaft hervorragend ging und kaum Kredite ausgefallen sind. Das wird nicht immer so bleiben. Das Beispiel Japan mit seiner jahrzehntelangen Niedrigzinspolitik zeigt, dass auf Dauer die Kreditinstitute, deren Kunden, aber auch die gesamte Wirtschaft massiv belastet werden. Diese Folgen werden jetzt auch in Deutschland immer stärker spürbar. Das ist gefährlich.

Inwiefern?
Die soziale und gesellschaftliche Stabilität ist in Gefahr. Durch die Geldpolitik haben wir Umverteilungseffekte: Von unten nach oben, von Arm zu Reich, von Privat zum Staat. Und immer mehr Menschen sorgen sich um ihre Alterssicherung, weil ihnen Zinsen und Zinseszinsen fehlen. Bei den Mietkosten wirken sich die rasant gestiegenen Immobilienpreise aus. Die Folgen der Geldpolitik sind also in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nicht nur die Geldpolitik, sondern vor allem die Finanzpolitik ist gefordert, gegenzusteuern. Der Staat sollte seine zinsbedingt erheblichen Einsparungen den so benachteiligten Bürgern zurückgeben.

Hohe Wohnungspreise: Die Mieten in Frankfurt steigen weiter - nur eine deutsche Stadt ist noch teurer.   

Immer mehr Geldhäuser berechnen Strafzinsen auf Einlagen auf Spar- und Girokonten. Der Dachverband der Genossenschaftsbanken hat seinen Instituten zuletzt empfohlen, sich bei Kontoeröffnungen gleich die Option einräumen zu lassen, Negativzinsen zu erheben. Hat Ihr Verband auch eine solche Empfehlung abgegeben? 
Negative Zinsen stellen unser bisheriges wirtschaftliches und rechtliches Verständnis auf den Kopf. Als Verband helfen wir den Sparkassen natürlich dabei, diese völlig neue Situation richtig zu bewerten. Vor allem unterstützen wir kommunikativ, damit die Berater vor Ort ihren Kunden das Marktumfeld und die Herausforderungen erklären können. Für Sparkassen ist dieses Thema aber besonders emotional.

Warum das? 
Die Gründungsidee der Sparkassen ist die Förderung des Sparens. Das steht – unterschiedlich formuliert – noch heute in den Sparkassengesetzen der Bundesländer.

Das heißt, juristisch betrachtet dürften die Sparkassen wegen der regionalen Sparkassengesetze keine Negativzinsen erheben?
Die Gesetze fordern von den Sparkassen nicht, gegen die Logik des Marktes und der Betriebswirtschaft zu handeln. Wenn sich die ganze Welt dreht und auf dem Markt Negativzinsen normal werden, müssen irgendwann auch die Sparkassen auf die neue Welt angemessen reagieren. Ich kenne aber keinen Sparkassenvorstand, der aus eigener Überzeugung Verwahrentgelte auf Einlagen einführen möchte. Deshalb halten wir ja die EZB-Geldpolitik für falsch. Sie geht gegen unsere Grundüberzeugung, dass Vermögensvorsorge belohnt und Risiken richtig bepreist werden müssen. Für beides ist ein positiver Zins erforderlich.

Wagen Sie einen Blick in die Kristallkugel: Werden Strafzinsen auf Erspartes in ein oder zwei Jahren auch im Massenkundengeschäft weit verbreitet sein?
Ich hoffe, dass es nicht so kommt, da es allen unseren Überzeugungen widerspricht. Für die breite Kundschaft erwarte ich das auch nicht. Bei höheren Vermögen und Firmenkunden deutet sich das im Markt allerdings an.

Die Geldinstitute haben auch andere Möglichkeiten, mehr Geld von den Kunden zu bekommen. Sie können Bankprodukte verteuern und Gebühren erhöhen, was sie ja auch schon machen …
Die Gebühren für Girokonten sind auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Und Preisanpassungen gibt es in allen Branchen, nicht nur im Finanzsektor. Man muss auch berücksichtigen, dass ein Girokonto heute viel mehr kann als früher. Es ist inzwischen ein Power-Paket mit vielen Services wie Mobile Payment, Echtzeitüberweisungen oder Kredit- und Girokarten.

Die Sparkassen waren zuletzt häufiger in den Schlagzeilen. Da ging es neben der Erhebung von Negativzinsen etwa darum, dass Sparkassen tausende Prämiensparverträge kündigen, weil sie den Kunden darauf hohe Zinsen zahlen müssen. Oder dass sie Zinsen von Sparverträgen zu Ungunsten der Kunden falsch berechnet haben. Fürchten Sie keinen Reputationsschaden?
Alle deutschen Sparkassen sind verlässlich, die Kunden können uns vertrauen. Nun konnten viele Sparkassen in den letzten Jahren ihren Kunden Prämiensparverträge mit sehr attraktiven Verzinsungen anbieten. Dort, wo heute die höchste Zinsstufe erreicht und damit der Vertragszweck erfüllt ist, muss allerdings auch eine Kündigung möglich sein. Denn niemand kann damit rechnen, auf Dauer einen Zinssatz zu erhalten, der weit weg ist vom Marktniveau. Die Sparkassen sprechen mit ihren Kunden, die meisten haben dafür Verständnis. Bei den Zinsberechnungen gebe ich Ihnen Recht: Diese müssen richtig sein. Allerdings ist rechtlich sehr umstritten, was bei Zinsänderungen richtig ist. Sollte sich hier herausstellen, dass die Auffassung der betroffenen Institute falsch ist, werden sie das in den strittigen Fällen sicher korrigieren.

Die Sparkassen stehen auch des Öfteren für die hohen Gehälter in der Kritik, die sie ihren Vorständen gewähren. Einige große Sparkassen zahlen ihren Vorständen mehr als eine Million Euro im Jahr, mittlere sechsstellige Jahresgehälter sind auch bei kleinen Sparkassen normal. Ist das angemessen für öffentlich-rechtliche Institute?
Die von Ihnen genannten Zahlen kann ich nicht bestätigen; sie sind sehr von der Größe der Institute abhängig. Ich möchte das auch nicht bewerten, weil kein Vorstand sein Gehalt selbst festsetzt. Das tun in Sparkassen demokratisch gewählte Verwaltungsräte. Und diese berücksichtigen dabei sicher die Marktkonditionen für gute Vorstände.

Wo wir gerade bei den Vorständen sind. Wo sind da die Frauen? Zuletzt waren von 974 Vorständen der Sparkassen nur 50 weiblich. Das ist doch ein Armutszeugnis? 
Ja, wir alle wollen mehr Frauen in Vorständen haben. Es gibt auch viele sehr qualifizierte Frauen, aber leider nur sehr wenige, die die formalen Zulassungsanforderungen der Bankenaufsicht bereits erfüllen. Dazu sind einige Jahre Vorlauf mit Verantwortung im Kreditgeschäft notwendig. Ich kenne viele Sparkassen, die bei Ausschreibungen gerne Vorstandspositionen mit Frauen besetzen wollen, aber derzeit noch zu wenige oder gar keine Bewerbungen erhalten. Mich stimmt sehr zuversichtlich, dass jetzt auf den nächsten Ebenen viele hoch qualifizierte Frauen tätig sind. Bei einigen Jahren Durchhaltevermögen wird sich dies auch in den Vorständen zeigen.

Erste Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns: Jennifer Morgan  ist die erste Chefin eines Dax-Konzerns. Gemeinsam mit Christian Klein führt sie SAP, Deutschlands wertvollstes börsennotiertes Unternehmen.  

Die Bürgerbewegung Finanzwende kritisiert, dass Banken und Sparkassen Menschen in die Überschuldung trieben, indem sie ihnen teure Konsumentenkredite andrehten. Wie passt das ins Bild der gemeinwohlorientierten Sparkasse?
Ich teile diesen Befund überhaupt nicht. Ich war lange Chef der Sparkasse Heidelberg, die in der Region einen Marktanteil von 50 Prozent hat. Fünf Prozent der Kunden bei der Schuldnerberatung waren Sparkassenkunden – die meisten davon allerdings wegen Handyverträgen, mit denen die Sparkasse nichts zu tun hatte. Das Problem ist doch viel eher, dass heute bei Konsumentenkrediten gar keine Beratung mehr in Anspruch genommen, sondern dies bei Gelegenheit eines Kaufs mit erledigt wird. Übrigens sind Sparkassen die einzigen Kreditinstitute in Deutschland, die die Schuldnerberatungen finanziell unterstützen.

Sie werden doch sicherlich oft gefragt, ob Sie Tipps haben, wie man sein Geld noch gut anlegen kann. Was antworten Sie?
Eineinhalb Monatsgehälter für unvorhergesehene Ausgaben sollte man schon verfügbar haben. Ansonsten ist eine eigene Immobilie nie ein Fehler. Und Wertpapiersparen ist eine gute Idee, wobei Einzelaktien für die meisten Menschen nicht geeignet sind. Fondssparpläne sind bei uns bereits ab 25 Euro im Monat möglich und sinnvoll. 

Und wie investieren Sie Ihr Geld? Vielleicht in irgendetwas exotisches wie Kunst?
Nein, mit Kunst beschäftige ich mich nicht intensiv genug. Ich mache es genauso, wie ich es empfehle: Ich habe eine Immobilie und investiere in Fondssparpläne der Deka.

Immer mehr Menschen würden auch gerne in grüne Finanzprodukte investieren. Aber woher sollen sie wissen, ob ein Produkt auch wirklich grün ist – und das nicht nur behauptet wird?
Also zunächst einmal: Unser Vermögensbarometer, eine repräsentative Umfrage, hat kürzlich ergeben, dass nur acht Prozent der Kunden nach nachhaltigen grünen Geldanlagen suchen. Das sind also noch nicht sehr viele. Bei institutionellen Kunden ist die Nachfrage größer. Das Problem ist aber, dass es noch keine klare Definition davon gibt, was überhaupt „grün“ ist. Die Franzosen halten Atomstrom für nachhaltig, die Deutschen nicht. Elektromobilität gilt als grün, aber man könnte ja auch sagen: Wasserstofftechnik ist viel nachhaltiger. Die Diskussion darüber, was grün ist, kann aber nicht die Kreditwirtschaft führen – das muss die Politik machen. Und sie sollte dabei berücksichtigen, dass ein umfassendes Nachhaltigkeitsverständnis auch soziale und ökonomische Punkte umfasst.

Der Trend zu nachhaltigen Investments: Geld machen mit Aktien von Firmen, die an Waffen, Kohle oder Tabak verdienen? Für viele Anleger kommt das nicht in Frage. Selbst großeInvestoren geben sich zunehmend „grün“.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat signalisiert, dass Deutschland bei der Frage einer europäischen Einlagensicherung kompromissbereit sein könnte. Was halten Sie davon?
Bundeskanzlerin Merkel hat hervorgehoben, dass darüber in der Koalition noch Gesprächsbedarf besteht. Dafür hat sie gute Gründe. Denn bereits jetzt gibt es in der EU ein einheitliches Sicherungsniveau für Kundeneinlagen. Die jetzt relevante Frage ist doch, ob die Sicherungsmittel, die zur Absicherung der Kundeneinlagen bei Sparkassen- und Genossenschaftsbanken gedacht sind, bei Schieflagen europäischer Großbanken eingesetzt werden sollen und dann wahrscheinlich weg sind. Wir glauben nicht, dass eine solche Lösung im Interesse der breiten Bevölkerung ist. Letztlich geht es doch um eine Sozialisierung von Risiken. Das war, wie die Finanzkrise zeigt, noch nie eine gute Idee. 

Helmut Schleweis ist Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV). 

Zur Person: Helmut Schleweis 

Helmut Schleweis, 65, ist seit dem 1. Januar 2018 Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), dem Spitzenverband der 385 deutschen Sparkassen sowie unter anderem auch der Landesbanken, Landesbausparkassen und öffentlichen Versicherer. Die gesamte Sparkassenfamilie beschäftigt insgesamt mehr als 300.000 Menschen.

Der gebürtige Heidelberger Schleweis ist ein reines Sparkassengewächs, er hat seine gesamte berufliche Laufbahn in der Gruppe verbracht. Von 2002 bis Ende 2017 war er Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Heidelberg.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare