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In Hannover zogen Beschäftigte der Geld- und Wert-Branche am Mittwoch durch die Innenstadt.

Verdi

Geld-Transporteure streiken

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Fahrer von Geldtransportern tragen große Verantwortung und verdienen zu wenig, findet die Gewerkschaft Verdi und ruft zum Streik auf.

Das Timing hat aus Sicht der Arbeitnehmer gestimmt. Nach den Feiertagen waren vielerorts Geldautomaten leer. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi nutzte dies am Mittwoch, um mit einem Warnstreik Druck für eine bessere Bezahlung der Beschäftigten von Geld- und Wertdiensten zu machen. Durch die Streiks werde der Bargeldverkehr in Deutschland erheblich gestört, so Verdi. Banken und Einzelhändler bekämen keine frischen Scheine und Münzen. Auch das Abholen von Tageseinnahmen von Supermärkten, Warenhäusern, Baumärkten und anderen Unternehmen, die viel Cash einnehmen, sei nicht gewährleistet.

Der Hintergrund: Über fünf Runden wurde ergebnislos über mehr Geld für die Transporteure gestritten. Verdi will eine Erhöhung des Stundenlohns um 1,50 Euro beziehungsweise einen Aufschlag von 250 Euro pro Monat durchsetzen – bei einer Laufzeit von zwei Jahren. Hinzukommen soll eine Angleichung der Gehälter im Osten an das Westniveau. Zudem soll der neue Tarifvertrag für allgemeinverbindlich erklärt werden. Das bedeutet, dass seine Bestimmungen für alle Bediensteten der Branche gelten und sie damit wie ein gesetzlicher Mindestlohn wirken.

Durch die Hände der Beschäftigten von Sicherheitsfirmen gehen zwar enorme Mengen von Geld, auf deren Konten landen aus Sicht von Verdi aber eher bescheidene Summen. Im Westen sind es maximal 2900 Euro brutto pro Monat, im Osten lediglich 2400 Euro. Viele Beschäftigte wohnen dort, wo viel Geld bewegt wird: in Ballungsgebieten. Sie haben es also mit hohen Mieten und Lebenshaltungskosten zu tun.

So waren Metropolen am Mittwoch auch Schwerpunkte der Warnstreiks. In Hannover gab es gegen Mittag eine zentrale Kundgebung mit einem anschließenden Marsch durch die Fußgängerzone. In Frankfurt trafen sich Beschäftigte vor der örtlichen DGB-Zentrale. Rund 200 Angestellte aus dem benachbarten Aschaffenburg in Bayern kamen hinzu.

Die Jobs in der Geld- und Wertbranche sind vielfach körperlich und psychisch belastend. Die Frauen und Männer sind meistens bewaffnet. Die Transporte werden in öffentlich zugänglichen Bereichen in der Regel mit drei Beschäftigten durchgeführt – zum Fahrer der gepanzerten Spezialfahrzeuge kommen ein Bote, der Geldautomaten bestückt, Bares, Schecks, EC- und Kreditkarten holt und bringt, sowie ein sogenannter Sicherer. Dieser personelle Aufwand macht das Transportieren der Zahlungsmittel so teuer. Betreiber von Supermärkten sind deshalb bestrebt, die Bargeldmengen so gering wie möglich zu halten. Was auch dadurch erreicht wird, dass Kunden in den Geschäften Geld abheben können.

2017 wurden hierzulande insgesamt rund 30 Milliarden Geldscheine bewegt, mit einem Nominalwert von knapp 1000 Milliarden Euro. Es gab in dem Jahr sechs Überfälle auf Geldtransporte. Die Branche ist zwar klein: In der Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BDGW) haben sich 33 Unternehmen mit knapp 12 000 Beschäftigten organisiert. Aber sie ist von enormer volkswirtschaftlicher Bedeutung. Die Firmen stellen in Kooperation mit der Deutschen Bundesbank die hoheitliche Aufgabe der Versorgung mit Bargeld sicher. Obwohl EC- und Kreditkarten immer häufiger eingesetzt werden und das Bezahlen mit dem Smartphone in Schwung kommt, werden im Einzelhandel nach wie vor etwa die Hälfte der Transaktionen mit Barem abgewickelt – die deutschen Verbraucher haben im Vergleich zu Konsumenten in anderen Staaten eine große Affinität zu Scheinen und Münzen.

Die BDGW bezeichnete den mehrstündigen Warnstreik am Mittwoch als ärgerlich und für Unternehmen teuer. Aber die Bargeldversorgung werde nicht zusammenbrechen. „Es gibt keine Bargeldknappheit im Handel oder überlaufende Tresore in den Supermärkten – auch nicht bei drei Streiktagen“, sagte eine BDGW-Sprecherin. Es könne aber passieren, dass einem Automaten mal die Scheine ausgingen und Kunden dann zum nächsten müssten. Ähnlich äußerte sich die Deutsche Kreditwirtschaft als Interessenvertretung der fünf kreditwirtschaftlichen Spitzenverbände. Es gebe keine Anhaltspunkte für größere Auswirkungen, punktuell könnte es aber zu Einschränkungen in der Bargeldversorgung an Geldautomaten kommen, hieß es.

Beide Seiten wollen sich am heutigen Donnerstag und am Freitag erneut zusammensetzen. „Unsere Botschaft an die Arbeitgeberseite ist klar: Wenn wieder kein verhandlungsfähiges Angebot auf dem Tisch liegt, werden die Arbeitsniederlegungen ausgeweitet“, sagte Verdi-Verhandlungsführer Arno Peukes. Branchenkenner gehen davon aus, dass erhebliches Chaos im Einzelhandel erzeugt werden kann, wenn es der Gewerkschaft gelingt, ihre Mitglieder für einen flächendeckenden, mehrere Tage währenden Streik zu mobilisieren.

Peukes betonte, Verdi habe sich kompromissbereit gezeigt, aber die Vorschläge der Arbeitgeberseite seien bislang nicht verhandlungsfähig. Was den Verhandlungsführer besonders stört: Die Angebote würden die Verdienstunterschiede zwischen den Bundesländern noch vergrößern. Andrea Lambauer, Verhandlungsführerin des BDGW, hat mehrfach betont, die Forderungen der Gewerkschaft bedeuteten Gehaltsaufschläge bis zu rund 16 Prozent, sie seien für die Unternehmen existenzgefährdend.

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