1. Startseite
  2. Wirtschaft

Der Geist der Weihnacht

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Andreas Bangemann

Kommentare

Wirtschaften bedeutet Geben und Nehmen, doch diese Logik wird tagtäglich gebrochen.

Trotz allem Kommerz und der kitschig-schillernden Buntheit in den Straßen verströmt die Weihnachtszeit ein wohliges Gefühl. Die Empfindung einer verborgenen Sehnsucht fließt anrührend in die Menschen. Etwas will einem sagen: Dies ist eine außerordentliche Zeit. Halte inne. Fühle. Atme. Lebe. Entfliehe der Trostlosigkeit eines auf das Begehren nach Materiellem programmierten Hamsterrads. Lass den Geist zu Dir. Deinen Geist.

In der Weihnachtsgeschichte, „A christmas carol“, lässt Charles Dickens den Geizhals Ebenezer Scrooge durch das grotesk anmutende Erscheinen von leibhaftigen Geistern zur Besinnung kommen. Selbst in Armut aufgewachsen zeichnet der Autor die bis spät am Heiligen Abend unerbittlich arbeitende Hauptfigur als jemanden, der durch nichts von der geizig hortenden Krämerseele abzubringen ist. Jegliche Gefühlsduselei prallt an ihm ab, ist sie doch nur geeignet, der schaffenden Kraft Zeit und damit Geld zu rauben.

Dickens bringt ein philosophisches Moment ins Spiel. Er hebt die Zeitform auf. Dem alten Scrooge erscheinen neben dem verstorbenen Geschäftspartner gleich drei „Zeit“-Geister, die ihn zum Beobachter seiner selbst werden lassen. Er sieht sich in der unabänderbaren vergangenen Weihnacht, der gegenwärtigen und der zukünftigen.

Er schaut sich beim eigenen Leben zu. Erst dieses „Außer-sich-Sein“ macht ihm die Folgen des Handelns bewusst und schenkt ihm die Chance, etwas zu ändern. Der vom Horten und Geiz geprägte Alltag brachte Ebenezer Scrooge Reichtum, gleichwohl Vereinsamung. Die Geister erlösen ihn am Heiligabend vom Reichtum und der Einsamkeit. Die Absurdität, die dem Glauben innewohnt, man könne ein Vermögen durch Aufspeichern zum persönlichen Wohle vergrößern, wird ihm ungetrübt vorgeführt. Sein Wandel vom Nehmenden zum Gebenden offenbart die allumfassende Verbundenheit, ohne die die Welt so sinnlos wie nicht existent wäre.

Wirtschaften bedeutet Geben und Nehmen. Die triviale Logik in diesem Satz wird tagtäglich gebrochen, weil Rendite nur erzielt werden kann, wenn man mehr nimmt, als man gibt. Es gilt zu erkennen, dass individueller Geiz und das Zurückhalten nicht Auslöser, sondern die Wirkung sind. Die Wirkung eines Wirtschafts-, genauer gesagt eines Geldsystems, das sich dem Renditedenken verschrieben hat.

Der Autor ist Redakteur der Zeitschrift „Humane Wirtschaft“.

Auch interessant

Kommentare