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Wo geht’s zur „Netto-Null“?

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Deutschland soll bis 2050 klimaneutral werden. Die Frage ist nur: wie? Die Wege dahin bieten einiges an Konfliktpotenzial.

Klimaneutralität bis 2050 – so heißt das neue Zauberwort in der Klimapolitik. Beim jüngsten EU-Gipfel in Brüssel hat sich mit 24 Staaten die große Mehrheit der EU-Länder dafür ausgesprochen. Darunter auch Deutschland. Bundeskanzlerin Merkel (CDU) befürwortete ausdrücklich eine solche Verschärfung des Klimakurses. Mit dem deutschen Ja zur „Netto-Null“ beim CO2-Ausstoß der EU gilt dieses Ziel faktisch auch für die Bundesrepublik selbst. Beim internationalen Petersberger Klimadialog in Berlin im Mai hatte die Kanzlerin die Entscheidung über die Klimaneutralität noch in ihr „Klimakabinett“ delegiert, in dem die zuständigen Ministerinnen und Minister sitzen. Das sollte prüfen, ob das Ziel tatsächlich zu schaffen ist. Jetzt kann man sich diese Meinungsfindung eigentlich sparen, der Beschluss ist praktisch schon gefallen.

Umso intensiver muss die Debatte ausfallen, wie der rasante CO2-Minderungskurs auf netto null Emissionen binnen nur noch drei Jahrzehnten aussehen soll. Die Anforderung ist hoch, denn das Einspartempo muss verdoppelt werden. Zwischen 1990 und 2020 schafft die Bundesrepublik nach jüngsten Prognosen rund ein Drittel CO2-Minderung statt der eigentlich beschlossenen 40 Prozent. Bis 2050 – also im gleichlangen Zeitraum – müssen dann aber zwei Drittel eingespart werden. Bislang plant die Bundesregierung laut ihrem „Klimaschutzplan“, den CO2-Ausstoß bis 2030 um 55 Prozent und bis 2050 um 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Um bis dahin die Netto-Null zu erreichen, müssten aber auch die Rest-Emissionen bis zu den 100 Prozent eingespart, kompensiert oder „entsorgt“ werden.

Klimaexperten gehen davon aus, dass in Deutschland rund 60 Millionen Tonnen CO2 jährlich in der Industrie prozessbedingt entstehen, die nach jetzigem Stand nicht durch höhere Effizienz oder andere Technologien reduziert werden können. Das entspricht rund fünf Prozent der derzeitigen Gesamtemissionen. Merkel hatte beim Petersberg-Treffen die Kompensation dieser Emissionen durch Aufforstung als eine mögliche Lösung benannt; die Bäume nehmen beim Wachstum CO2 aus der Atmosphäre auf. Andere Möglichkeiten wären ein verändertes Waldmanagement, bei dem die Bäume später geschlagen werden, um diesen Effekt durch mehr Holzbildung zu erhöhen, oder die Wiedervernässung von trockengelegten Moorgebieten – auch dies ein großer CO-Speicher.

Merkel sprach aber auch die hierzulande besonders umstrittene CCS-Technologie der unterirdischen CO2-Endlagerung als mögliche Lösung an. CCS ist das Kürzel für Carbon Capture and Storage – Kohlenstoff-Abscheidung und -Speicherung. Hierzulande wird CCS bisher nicht genutzt, und alle Bundesländer, in denen eine solche Speicherung in tiefen Gesteinsschichten in Frage kommt, haben ihr einen Riegel vorgeschoben. Möglich wurde das durch das Kohlendioxid-Speicherungsgesetz, das 2012 von der schwarz-gelben Bundesregierung unter Merkel erlassen wurde. Vorher hatte es in der Bevölkerung betroffener Regionen, zum Beispiel in Schleswig-Holstein, massive Proteste gegen die CO2-Verpressung gegeben. Ob CCS in Zukunft doch noch eine Chance bekommt, ist offen. Bei den Umweltverbänden jedenfalls scheint die Ablehnung zu bröckeln, die Umweltstiftung WWF und die NGO Germanwatch zeigten sich zuletzt offener gegenüber der Technologie.

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