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Es geht besser ohne

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Von: Joachim Wille

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Eine neue Studie zeigt: Reine Ökostromsysteme sind mittelfristig günstiger als die Energie aus neuen AKW. In Osteuropa entstehen dennoch neue Kernkraftwerke.

Die Lehre von Tschernobyl verblasst. Obwohl nach dem ersten Super-GAU der Geschichte – in der Ukraine heute vor genau 32 Jahren – fast ganz Europa mit radioaktivem Fallout belastet wurde und die havarierte Anlage für Milliarden Euro gesichert werden musste, setzen mehrere osteuropäische EU-Staaten auf den Neubau von Atomkraftwerken. Hauptargument: Anders sei die Versorgungssicherheit mit Strom nicht zu gewährleisten. Eine neue Studie zeigt nun aber, dass auch ein Ökostromsystem dieselben Anforderungen erfüllen kann – und sogar deutlich billiger, wenn man die Kosten möglicher schwerer Unfälle und der nuklearen Endlagerung einrechnet.

Den Neubau von Atomkraftwerken planen derzeit Polen, Ungarn, die Slowakei und Tschechien. Die Anlagen hätten zusammen eine Leistung von 15,6 Gigawatt – mehr, als die derzeit noch am Netz befindlichen sieben deutschen AKW erbringen. Ungarn setzt dabei auf russische Reaktortechnik, bei den anderen drei Ländern gibt es noch keine konkreten Vereinbarungen mit Herstellern.

Das Berliner Analyse-Institut „Energy Brainpool“ ermittelte nun, dass eine rein erneuerbare Stromerzeugung mittelfristig günstiger sein kann als Elektrizität aus neuen AKW. Die Experten erwarten, dass die Kosten für flexibel steuerbare Ökostromsysteme auf bis zu 100 Euro pro produzierter Megawattstunde (MW) sinken. Elektrizität aus AKW-Projekten, die derzeit im Bau oder in der Planung sind, kosteten hingegen, realistisch gerechnet, bis zu 126 Euro pro MW. Auftraggeber der Studie ist der Ökostromanbieter Greenpeace Energy.

Die Studie stellt die realistischen Kosten für die osteuropäischen AKW-Projekte denen eines erneuerbaren Kraftwerksystems gegenüber, das verlässlich Strom in der jeweils benötigten Menge liefert. Es besteht aus Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen. Deren Stromüberschüsse, die bei geringer Abnahme entstehen, werden per Elektrolyse in erneuerbaren Wasserstoff umgewandelt. Dieses „Windgas“ wiederum dient als Speichermedium und kann bei Bedarf – also zum Beispiel nachts, wenn kein Solarstrom produziert wird, oder bei länger anhaltenden Windflauten – in Gaskraftwerken wieder in Strom umgewandelt werden.

Die Brainpool-Experten gehen dabei allerdings davon aus, dass die derzeit noch vergleichsweise hohen Kosten der Windgaserzeugung in den kommenden Jahren stark fallen werden. Weiter empfehlen sie den vier Staaten, eng zusammenzuarbeiten, indem sie das entstehende Ökogas je nach Bedarf grenzüberschreitend verteilen.

Kosten nicht realistisch

Energy Brainpool hält gleichzeitig die Kosten, mit denen die Ost-AKW-Projekte derzeit kalkuliert werden, nicht für realistisch. Offiziell werden die Kosten des Atomstroms teils auf nur 80 Euro je MW angesetzt. Die Experten verweisen darauf, dass zum Beispiel das in Großbritannien geplante AKW Hinkley Point C eine staatlich garantierte Vergütung von umgerechnet 119 Euro pro MW erhalten soll und andere Projekte in Frankreich und Finnland regelrechte Preisexplosionen erlebten.

„Warum in den osteuropäischen Staaten Reaktorprojekte bei gleichem Sicherheitsstandard günstiger werden sollten als in Frankreich oder Großbritannien, ist nicht ersichtlich“, sagt Studienautor Fabian Huneke.

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