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Eine Bewohnerin von Iztapalapa, einem Stadtteil von Mexiko-Stadt, füllt im April 2017 auf der Straße ihren Eimer mit Trinkwasser.

Trinkwasser

Wem gehört das Wasser?

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Menschenrecht oder Geldquelle: In Brasilien streiten Aktivisten, Politiker und Unternehmer über den Umgang mit der knappen Ressource.

In diesen Tagen der trockenen Frühjahrshitze in Mexiko-Stadt greift Maria Castro nach dem Aufstehen immer öfter zu Eimer, Schüsseln und Töpfen. Noch vor der morgendlichen Dusche werden die Behälter gefüllt, man weiß ja nie. „Falls wir mal wieder auf dem Trockenen sitzen“, sagt die 45-Jährige. Sie wohnt in der Condesa, einem gutsituierten Stadtteil von Mexiko-Stadt. Und knapp wurde das Wasser auch in den vergangenen Jahren immer mal wieder. „Aber dieses Jahr passiert es öfters als sonst“, moniert die Architektin. Dann kommt entweder nur heiße Luft aus dem Hahn oder ein paar Tropfen. 

Früher waren vor allem die ärmeren Stadtteile wie Iztapalapa oder Chimalhuacán an der Peripherie der Metropole betroffen. „Seit vergangenem Jahr aber ist die Wasserversorgung auch im Stadtzentrum ein generelles Problem“, ergänzt José Luis Cruz vom Stadtteilkomitee. Die Beschwerden gegenüber Sacmex, der Wasserbehörde der Stadt, haben im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent zugenommen. Die Wasserknappheit trifft private Haushalte und Restaurants gleichermaßen. Oft bestellen die Menschen dann „Pipas“, Tankwagen, die Trinkwasser bringen. Zwischen 250 und 1500 Euro monatlich geben die Bewohner bestimmter Bezirke der Hauptstadt monatlich für eine Versorgung aus, die eigentlich die Stadt zu günstigen Tarifen zur Verfügung stellen sollte. In besonders knappen Monaten liefern die Tankwagen bis zu fünf Millionen Liter täglich. 

Dieses Jahr mache sich die veraltete Infrastruktur sehr stark bemerkbar, es habe Reparaturen an mehreren Brunnen und Leitungen gegeben, sagt Sacmex-Chef Ramón Aguirre und weist damit auf ein allgemeines Problem hin. Der Staat oder die Gemeinde sind mit der Garantie einer funktionierenden Wasserversorgung überfordert. Die Lücke schließen oft genug private Anbieter, die sich den Service teuer bezahlen lassen. Das ist nicht nur in Mexiko so.

Mexiko-Stadt ist aber ein gutes Beispiel für die Wasserprobleme schnell wachsender Megacitys: zu viele Menschen, lecke Leitungen, kaputte Pumpen, schlechte Qualität des Wassers, fehlendes Bewusstsein für die knappe Ressource und ein Staat, der kaum nachhaltige Lösungen für das Problem hat. Andere Städte in Lateinamerika haben ähnliche Probleme. 

Auf dem Subkontinent befindet sich zwar ein Drittel der Süßwasserreserven des Planeten, aber in der Liste der 20 Städte mit den größten Wasserproblemen weltweit standen vor drei Jahren gleich drei lateinamerikanische Metropolen. Neben Mexiko-Stadt sind das Lima und Rio de Janeiro. Aber die Verfügbarkeit von sauberem Wasser ist auf dem ganzen Planeten ein Thema. Der südafrikanischen Metropole Kapstadt droht das Wasser ganz auszugehen. Die Herausforderungen für eine nachhaltige Wasserversorgung sind daher riesig: Klimawandel, Verstädterung, Ausschluss der Armen von der Versorgung und die Merkantilisierung eines Rohstoffs, der von vielen als Menschenrecht definiert wird und als solches auch geschützt werden sollte. 

Genau um diese Themen geht es beim „Fórum alternativo da água “(Fama 2018), dem alternativen Weltwasserforum, das am Samstag in Brasilia begonnen hat und als Gegenveranstaltung zum offiziellen 8. Weltwasserforum konzipiert ist, das zeitgleich in Brasiliens Hauptstadt stattfindet. Während das offizielle Weltwasserforum vor allem von Unternehmen, Politikern – allein 15 Staatschefs haben sich angemeldet – und Entwicklungsbanken bestritten wird, ist das Fama eine Alternativveranstaltung, die von Nichtregierungsorganisationen, Kirchen, Ureinwohnergruppen und Vertretern der Zivilgesellschaft ausgerichtet wird. Das alternative Forum will gegen die Privatisierung der staatlichen Wasserversorgung und die Verschwendung von Wasser mobilisieren und die Frage in den Vordergrund stellen, wie man die Quellen des blauen Goldes sichern und die Privatisierung verhindern kann. Bereits jetzt befinden sich viele große Wasserquellen in Händen einiger weniger großer Wasserkonzerne. 

„Der Zugang zu Wasser darf keine Privatangelegenheit sein“, sagt Antonio Elio Brailovsky von der argentinischen „Ombudsstelle für Umweltrechte“. Aber genau darum gehe es auf dem offiziellen Forum, das von Aktivisten als „Deckmantel der Wasserlobby“ bezeichnet wird. 
Die Organisatoren des alternativen Wassergipfels fordern, die Entscheidungen über die Verwaltung und Verteilung der Reserven basisdemokratisch zu diskutieren und dabei vor allem die am stärksten von Dürre Betroffenen miteinzubeziehen. Auf dem offiziellen Forum, das alle drei Jahre vom sogenannten Wasserrat ausgerichtet wird, würden in erster Linie Empfehlungen im Interesse der Finanz- und Privatwirtschaft ausgesprochen, sagen Kritiker. 

Laut dem evangelischen Hilfswerk „Brot für die Welt“ sind vor allem die Kleinbauern auf der Südhalbkugel zunehmend von Dürre bedroht. „70 Prozent der weltweiten Wasserentnahmen gehen auf das Konto der Landwirtschaft. Um die steigende Weltmarktnachfrage nach Soja für die Fleischindustrie, Zuckerrohr für Biosprit, Baumwolle und Kaffee zu stillen, werden die Erträge mittels ganzjähriger Bewässerung und intensivem Düngemittel- und Pestizideinsatz noch weiter gesteigert“, sagt die zuständige Referentin Andrea Müller-Frank. „Brot für die Welt“ sieht auch Deutschland und die EU in der Pflicht, sich für einen nachhaltigen Umgang mit der Ressource einzusetzen. Denn der hohe Wasserverbrauch für Export-Agrargüter in den Produzentenländern trage zu Armut und Vertreibung bei. 

In Brasilien machen die Fama-Teilnehmer gegen die Pläne des konservativen Präsidenten Michel Temer mobil, Wasserkraftwerke und die Trinkwasseraufbereitung zu privatisieren. Die Idee dabei sei, den Staat von der Last der Wasserversorgung zu befreien und den Unternehmen gute Geschäfte zu sichern, aber es sei eben nicht das Ziel, den universellen Zugang zu dem Rohstoff sicherzustellen. Wie wichtig diese Frage gerade in Brasilien ist, zeigt schon die Tatsache, dass das südamerikanische Riesenland 18 Prozent der Süßwasserreserven des Planeten beherbergt. 

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