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Geheim gehaltene Spritdaten

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Neuwagen auf Halde bei Hamm in Nordrhein-Westfalen.
Neuwagen auf Halde bei Hamm in Nordrhein-Westfalen. © imago/Hans Blossey

Seit vielen Jahren kämpfen Umweltschützer dafür: Die realen Verbrauchswerte der Pkw sollen publik gemacht und zur Grundlage für den Klimaschutz werden. Nun liegen die Daten vor. Doch zumindest vorerst werden die Zahlen geheim bleiben.

Niemand bestreitet, dass die Labortests zur Ermittlung von Spritkonsum und CO2-Ausstoß erheblich günstiger ausfallen als der tatsächliche Energieverbrauch im Alltagsbetrieb. Zahlreiche Untersuchungen von unabhängigen Organisationen wie dem International Council on Clean Transportation (ICCT) haben nachgewiesen, dass die Realwerte inzwischen im Schnitt um rund 40 Prozent über den offiziellen Werten liegen.

Noch erheblich stärker sind die Abweichungen bei Pkw mit einem Plug-in-Antrieb (Verbrenner plus E-Motor). Die Brüsseler Denkfabrik Transport & Environment sieht eine durchschnittliche Abweichung um das Zwei- bis Vierfache. In Einzelfällen könne achtmal mehr Sprit verbrannt werden als amtlich verbrieft sei. Das macht sich im gleichen Umfang beim CO2-Ausstoß bemerkbar: Bei einem BMW X5 etwa haben die ICCT-Fachleute knapp 140 Gramm pro Kilometer ermittelt, der Hersteller nennt nur 40 Gramm.

Die EU-Kommission will’s nun genau wissen. Seit Anfang 2021 müssen die Hersteller ihre Neufahrzeuge verbindlich mit einer elektronischen Kontrolleinheit (OBFCM) ausstatten, die Sprit-, Stromverbrauch und gefahrene Kilometer dokumentiert. Die gesammelten Informationen mussten bis zum 1. April erstmals an die EU-Kommission übermittelt werden. Auf Anfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) teilten Volkswagen und Mercedes-Benz aber lediglich mit, welche Art von Daten nach Brüssel gemeldet wurden. Daten selbst wurden nicht genannt.

Der Stuttgarter Autobauer lässt zudem wissen: „Mit ersten Ergebnissen aus diesen Auswertungen durch die Europäische Kommission rechnen wir ab der zweiten Jahreshälfte 2022.“ Von BMW kam lediglich der Hinweis: „Veröffentlichungsfähige Informationen liegen uns nicht vor.“ In Herstellerkreisen heißt es, dass bislang überhaupt nicht klar ist, mit welchen statistischen Gewichtungen die übermittelten Rohdaten aufbereitet werden. Auch deshalb will offenbar kein Autobauer vorpreschen. Derweil kursieren in der Branche Spekulationen, dass der reale Verbrauch der Neuwagenflotte einzelner Hersteller bis zum Doppelten der Werte reichen könnte, die nach den geltenden Standards auf Prüfständen erhoben wurden.

Jens Hilgenberg, Verkehrsexperte der Umweltorganisation BUND, kann indes die Zurückhaltung von BMW und Co nicht verstehen: „Von den Autokonzernen kann erwartet werden, dass die Realwerte zur besseren Information der Kundinnen und Kunden herangezogen und veröffentlicht werden“, sagte Hilgenberg dem RND. Wer ein neues Auto kaufe, habe verdient zu erfahren, was andere, die sich das gleiche Modell im vorangegangenen Jahr zugelegt hätten, tatsächlich verbraucht hätten.

Auch Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sieht die Autobauer in der Pflicht, die Daten sofort publik zu machen. „Wir fordern volle und schnelle Transparenz – damit die Menschen sehen, wie hoch der tatsächliche Spritverbrauch für jedes einzelne Modell ist, und um zu sehen, welcher Autobauer mit seinen Angaben in Verkaufsprospekten ehrlich und welcher unehrlich ist.“

Resch geht davon aus, dass die Überschreitungen bei den Plug-in-Hybriden „besonders krass“ ausgefallen sind. In den Meldungen an die Kommission werde genau aufgeschlüsselt, wie viel Strom und wie viel Sprit verbraucht wurde. „Deshalb sind diese Daten so wertvoll“, so Resch, dessen Organisation eine maßgebliche Rolle bei der Aufdeckung des Dieselskandals spielte. Er fügt hinzu: Die bisherige Praxis der „Veröffentlichung von völlig unrealistischen Verbrauchsdaten sehen wir als Betrug am Verbraucher“. Resch fordert, dass nach dem Vorbild der USA bei nachgewiesenen Übertretungen der offiziellen Werte mittels realer Daten die Autobauer künftig empfindliche Strafzahlungen aufgebrummt bekommen.

Auch für Jutta Paulus von der Grünen-Fraktion im EU-Parlament ist absehbar, dass sich die Plug-in-Hybride „als eine klimaschädliche Sackgasse“ erweisen werden. Sie betonte gegenüber dem RND: „Ich erwarte, dass die Kommission auf Grundlage ihrer Auswertung schnellstmöglich gesetzgeberische Maßnahmen einleiten wird, die mit der Erreichung des Klimaziels bis 2030 übereinstimmen.“

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