Solidarische Gesellschaft

Geh, hilf mir!

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Plattformen wie „GoFundMe“ bieten sich vermehrt als Alternative zu etablierten Formen öffentlicher Daseinsvorsorge an. Das untergräbt den Rechtsanspruch auf eine soziale Scherung weiter.

Die Sorge, den Anschluss an die Digitalisierung zu verlieren, verstellt mitunter den Blick für deren Schattenseiten. Die zeigen sich auch in Geschäftsmodellen, die sich vermehrt als Alternative zu etablierten Formen öffentlicher Daseinsvorsorge anbieten. Zu ihnen gehört die aus den USA kommende Spendenplattform Go Fund Me (Geh Hilf Mir), die seit einem Jahr auch in Deutschland auf dem Markt ist.

Die Idee ist einfach und weckt Träume von einer solidarischen Gesellschaft. Man unterstützt sich gegenseitig, schnell und unbürokratisch. Wer Hilfe braucht, stellt einen Aufruf ins Netz und bittet um Spenden. In den USA hat die Idee gezündet. Über fünf Milliarden Dollar sind bereits zusammengekommen: für die Finanzierung von Arztkosten, für Studiengebühren, Trauerfeiern, Hochzeiten. „Werde auch du Teil einer millionenstarken Spendergemeinde“, heißt es bei Go Fund Me. 

Der Gründer Rob Solomon nennt seine Webseite ein „digital safety net“, ein digitales Sicherheitsnetz. Um welche Sicherheit aber kann es gehen, wenn bei jedem persönlichen Notfall eine Kampagne mit ungewissem Ausgang lanciert werden muss? Und wie kann denen geholfen werden, die keine spendenträchtige Misere zu reklamieren haben oder die ihre Not nicht öffentlich zur Schau stellen und lieber anonym bleiben wollen?

In den USA, wo es keine funktionierenden Sozialversicherungsstrukturen gibt, bieten solche Plattformen oft die einzige Chance für Unterstützung. In Deutschland hingegen tragen sie dazu bei, die noch bestehenden Formen öffentlich garantierter Daseinsvorsorge weiter zu untergraben. Am Ende droht ein Verlust, der größer nicht sein könnte. Der Verlust von Persönlichkeitsrechten und eines Rechtsanspruchs auf soziale Sicherung, den private Plattformen wie Go Fund Me niemals bieten können. Und haben erst die einschlägig bekannten Datenkraken das Geschäft mit der sozialen Sicherung übernommen, könnte sich der Traum von der solidarischen Gesellschaft endgültig in einen Alptraum verwandelt haben.

Der Autor ist Geschäftsführer der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Medico International. Aktuell ist von ihm erschienen: „Hilfe? Hilfe! – Wege aus der globalen Krise“ (mit Ilija Trojanow).

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