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Medizinisches Equipment wird im März in Nairobi aus einem Flugzeug von Ethiopian Airlines entladen.

Ethiopian Airlines

Gegen den Strom

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Ethiopian Airlines schreibt trotz Corona schwarze Zahlen. Wie schafft die Fluggesellschaft das?

Wer dieser Tage eine Fluggesellschaft sucht, die keine Regierung um Milliardenbeträge anbettelt oder ihre Flügel gleich ganz streicht, muss nach Afrika schauen. In Äthiopien hat die staatliche Luftlinie „Ethiopian Airlines“ das Kunststück vollbracht, selbst im Katastrophenjahr 2020 schwarze Zahlen zu schreiben – und das, ohne Tausende von Beschäftigten zu entlassen oder seine Gläubiger auf dem Trockenen sitzen zu lassen.

„Viele der europäischen und amerikanischen Fluggesellschaften haben reiche ‚Uncle Sams‘, die sie am Leben erhalten“, sagt Esayas Wolde Mariam, der COO der Fluggesellschaft: „Wir haben diesen Luxus nicht. Wir müssen selbst um unser Überleben rennen.“

Kürzlich legte das Unternehmen, das Anfang 2019 auch noch den vom US-Hersteller verschuldeten Absturz einer Boeing 737 MAX 8 mit 157 Toten zu verkraften hatte, seinen Jahresabschluss vor: Danach machte Ethiopian Airlines (ET) im Geschäftsjahr von Juli 2019 bis Juni 2020 einen Gewinn von 44 Millionen US-Dollar, obwohl der Konzern allein im ersten Halbjahr dieses Jahres Einnahmeverluste in Höhe von einer Milliarde Dollar einstecken musste. Die Personenbeförderung war bei ET wie bei anderen Luftlinien auch wegen der Corona-Pandemie um 90 Prozent eingebrochen: Ein Großteil der 121 ET-Maschinen blieb am Boden.

Dabei zeigte sich ET aber beweglicher als viele große Konkurrenten. CEO Tewolde Gebremariam, der auf der Straße mit einem 15 Jahre alten Honda unterwegs ist, ordnete gleich nach dem Kollaps des Reisemarktes im März dieses Jahres die Umrüstung von 25 Personenfliegern zu Cargo-Maschinen um: Ihre Sitze wurden herausgenommen und das Passagierdeck in Stauraum verwandelt. Gemeinsam mit den zwölf originalen Cargo-Fliegern konnte sich die äthiopische Flotte nun in aller Welt um Frachtflüge kümmern, die etwa zur Beförderung medizinischer Ausrüstung auch dringend gebraucht wurden. ET verteilte die vom chinesischen Alibaba-Milliardär Jack Ma gespendeten Hilfsgüter für den Kampf gegen Corona in 52 afrikanischen Staaten.

Und dabei blieb es nicht. Die Äthiopier bemühten sich auch um Repatriierungsflüge gestrandeter Reisender in aller Herren Länder: Ein Markt, der wegen seines Personalaufwands von den Goliaths der Luftbeförderung gemieden wurde. ET flog bereits in Schönwetterzeiten 75 Länder der Erde an und verfügt in fast allen afrikanischen Staaten über Landegenehmigungen – ideale Voraussetzungen für Luftbrücken im weltweiten Katastrophenzustand.

„Das war operationell und personell äußerst aufwendig“, berichtet COO Esayas: „Oft kam es einem ziemlichen Zirkus gleich, war aber auch eine willkommene Herausforderung.“

Außerdem sparte ET, wo es nur ging, und flog, wohin sie nur konnte: Ihre Verbindungen nach China hielten die Äthiopier fast über die gesamte Pandemie hinweg aufrecht. Schließlich verlegte die Gesellschaft ihre Aktivitäten auch verstärkt auf die Wartung von Maschinen: „Diese Diversifizierung“, sagt CEO Tewolde, „hat uns das Leben gerettet“.

Ethiopian Airlines war schon vor der Pandemie Afrikas größte Luftlinie: Sie setzte im vergangenen Haushaltsjahr rund vier Milliarden Dollar um, flog für elf Millionen Fluggäste 125 Ziele an und verfügt über eine der jüngsten Flotten der Welt: Ihre Maschinen sind durchschnittlich nur gut fünf Jahre alt.

Die 75 Jahre alte Fluglinie ist die einzige afrikanische Luftgesellschaft, die über Jahrzehnte hinweg schwarze Zahlen schrieb, sie gehört zwar zu 100 Prozent dem äthiopischen Staat, wird aber ausschließlich nach kommerziellen Kriterien geführt. ET will seine „Vision 2035“ genannte Offensive auf den Luftraum noch weiter ausbauen: Mehr als 60 neue Maschinen sind bestellt, und außerhalb Addis Abebas ist ein riesiger neuer Flughafen geplant.

Die ET-Chefs meinen, an den hochfliegenden Plänen festhalten zu können, auch wenn die Entwicklungen auf dem Reisemarkt derzeit noch verworrener als die Umtriebe des Virus erscheinen. Selbst renommierte Fluggesellschaften wie „South African Airways“ haben in diesem Jahr ihre Segel gestrichen: Die Äthiopier könnten sich – wie es schon in Malawi, in Sambia und in Togo geschieht – an der nationalen Fluggesellschaft beteiligen, oder das Vakuum ausnutzen, das deren Ruin hinterlässt.

Von den Erschütterungen im Luftraum könnte die Fluggesellschaft sogar noch profitieren, ist CEO Tewolde überzeugt: „Wir sind gewappnet.“

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