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Gegen alle Widerstände

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In Qamishli produziert Rebaz Hasan kostenlose Prothesen für Kriegsinvaliden. Wimmer/Olfermann
In Qamishli produziert Rebaz Hasan kostenlose Prothesen für Kriegsinvaliden. Wimmer/Olfermann © Wimmer/Olfermann

Im vom Krieg zerstörten Rojava entsteht ein neues Gesundheitssystem – und das, obwohl es an medizinischem Personal, Pflegekräften und Arzneimitteln fehlt. Von Elisabeth Olfermann und Christopher Wimmer.

Nach Rojava zu kommen, ist schwierig: Bei Semalka bildet der Tigris die Grenze zwischen dem Irak und der Autonomieregion von Nordostsyrien, auch bekannt unter dem Namen Rojava. Einreisen dürfen neben der lokalen Bevölkerung nur Journalist:innen, Wissenschaftler:innen oder Angestellte von Nichtregierungsorganisationen. Die Region unterliegt einem Embargo, auch technisches Gerät oder Waren kommen nur schwer nach Rojava. Dies hat vor allem für die Gesundheitsversorgung dramatische Folgen. Medikamente und Vorräte sind knapp, dringend benötigte Hilfsgüter bleiben aus.

Während des Syrischen Bürgerkriegs brach 2012 die „Rojava-Revolution“ aus – die kurdischen Regionen im Nordosten erklärten ihre Autonomie und bauten eine Selbstverwaltung auf. Auch das Gesundheitssystem wurde erneuert. Unter dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad war es privatisiert worden. Nun ermitteln Gesundheitsräte Bedarfe, organisieren die Versorgung und zahlen die Gehälter. Die Räte werden auf kommunaler Ebene von der Bevölkerung gewählt. Finanziert werden sie durch den allgemeinen Gesundheitsrat, der mit einem Ministerium vergleichbar ist.

In der Großstadt Qamishli arbeitet Suleiman Issa Ahmed. Der Anästhesist begann bereits 2011, heimlich Ärzt:innen und Pflegepersonal zu organisieren. „Das Gesundheitssystem war ruiniert. Wir mussten es komplett neu organisieren. Wir haben Räte gebildet und zerstörte Kliniken aufgebaut. In vielen Regionen herrschte totale Zerstörung.“ Eine weitere Herausforderung war die große Armut: „Da wir viele arme Menschen hatten, war es notwendig, ein System für Menschen ohne Geld aufzubauen.“ Das Gesundheitssystem, das legt der „Gesellschaftsvertrag“ – eine Art Verfassung – fest, soll komplett kostenfrei sein. Ein Novum in der Region.

Doch vor allem in ländlichen Gebieten ist die Versorgung weiterhin unzureichend. Nur in großen Städten gibt es Krankenhäuser. Für viele Menschen ist eine Reise in die Stadt jedoch zu teuer. In Gesundheitszentren auf dem Land sind selbst Eingriffe wie Blinddarmoperationen häufig nicht möglich. Dort fehlt es an der passenden Ausstattung und Fachkräften.

Das liegt auch an den äußeren Bedingungen: Im Norden hat die Türkei eine 873 Kilometer lange Mauer an der syrisch-türkischen Grenze errichtet. Für Ankara ist Rojava ein Ableger der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans PKK. Im Süden lässt das syrische Regime humanitäre Hilfsgüter nicht in die Region. Hilfen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Vereinten Nationen (UN) müssen über Damaskus laufen. Auch die Regierung von Irakisch-Kurdistan im Westen beäugt die Selbstverwaltung kritisch und hat den Grenzübergang von Til Kocer geschlossen, der jahrelang für internationale Hilfen genutzt wurde.

Hinzu kommen die Kriegsfolgen: 55 Prozent der Gesundheitsinfrastruktur in Nordostsyrien wurden beschädigt, so ein Weltbankbericht. Krankenhäuser wurden zerstört, Zehntausende Ärzte und Pfleger sind tot oder auf der Flucht. Allein in Deutschland arbeiten laut der Bundesärztekammer rund 5500 syrische Ärzt:innen.

Eine weitere Folge sind die mehr als 20 000 Kriegsinvaliden. Auch sie werden nur unzureichend versorgt. „Viele Eingriffe können wir nicht durchführen“, sagt Adnan Ibn Ali, Leiter des Prothesenzentrums in Qamishli. Dieses Zentrum wurde im März 2022 eröffnet und umfasst neben Behandlungsräumen auch eine Prothesenwerkstatt. Das Zentrum, das sich in einem dreistöckigen rot-weißen Neubau zwischen kleinen Autowerkstätten befindet, ist das einzige in Nordostsyrien, in dem Menschen Prothesen, Behandlung und Nachsorge erhalten – kostenfrei. Doch auch hier zeigen sich die finanziellen Defizite. „Wir können nicht alle Pflegebedürftigen langfristig betreuen. Wir haben ein mobiles Team, das zu den Menschen fährt, aber nur zu denjenigen, die es wirklich brauchen – die kein Auto oder Motorrad haben.“ Betrieben wird das Zentrum von Heyva Sor a Kurd (HSK), dem Kurdischen Roten Halbmond. Im Dezember 2012 gegründet, ist HSK zu einem wichtigen Teil der medizinischen Versorgung geworden. Für ihre Arbeit erhält er jedoch keine staatliche Hilfe, sondern ist auf Spenden angewiesen.

Direkt neben dem Prothesenzentrum befindet sich eine weitere Klinik im Bau, die auf Verbrennungen und Krebsbehandlung spezialisiert ist. Solche Behandlungen waren hier bislang nicht möglich. Michael Wilk hat für die Einrichtung Spenden gesammelt. Der Arzt und Psychotherapeut aus Wiesbaden ist als Notfallmediziner seit Jahren immer wieder in Nordostsyrien im Einsatz. Im April 2022 erschien sein Buch „Erfahrung Rojava“. Für ihn ist der Versuch, eine weitgehend kostenfreie Versorgung aufzubauen, eine zentrale Errungenschaft des neuen Systems. „Hinzu kommt die Renovierung und der Aufbau neuer Kliniken. Mich hat sehr beeindruckt, wie schnell die medizinische Reorganisierung vonstatten gegangen ist – mit großen Mühen und unglaublichem eigenen Aufwand.“

Doch macht Wilk auch auf Probleme aufmerksam. Es fehle an Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft. „Hilfsgelder der Geberkonferenzen von EU und UN kommen dort nicht an, da die Selbstverwaltung international nicht anerkannt ist.“ Eine solche Anerkennung würde einen direkten Geldfluss zur Selbstverwaltung oder zu HSK ermöglichen. Ohne politischen Druck wird dies jedoch kaum geschehen. Rojava gehört völkerrechtlich zu Syrien. Durch die fehlende Anerkennung ist Nordostsyrien weiterhin auf sich allein gestellt.

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