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Der Jobsuchende: "Ohne meinen Anwalt wäre ich verloren", sagt Alexander Harsch.

Arbeitsmarkt

Gefangen im "System Hartz IV"

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Er gehört nicht zu den Gewinnern des Aufschwungs: Seit 14 Jahren findet Alexander Harsch keinen Job. Was macht die Arbeitsagentur?

Alexander Harsch sitzt in seinem Stammcafé und zählt auf, wo er schon überall gewesen ist: Griechenland, Frankreich, Spanien. Auch nach Südostasien ist er gereist, nach Kambodscha. Seine letzte Reise ist allerdings schon lange her. Vor 15 Jahren war das, es ging in die Normandie. Seitdem ist er nirgendwo mehr hingefahren.

Alexander Harsch, 50 Jahre alt, wohnhaft im pfälzischen Frankenthal, ist seit 14 Jahren arbeitslos. Wie viele Bewerbungen er seitdem geschrieben hat, weiß er nicht. Irgendwann hat er aufgehört zu zählen. Die Stellenangebote sucht er sich selbst aus, denn das Jobcenter, glaubt Harsch, kann ihm nicht helfen. Seiner Meinung nach werden dort bloß Fälle abgearbeitet, keine Menschen betreut. Mittlerweile führt er sogar einen Rechtsstreit mit der Behörde. Es geht unter anderem um die Frage, ob die ihm angebotenen Helfertätigkeiten ihm zuzumuten sind. Ausgang ungewiss. An das „System Hartz IV“, wie er sagt, glaubt er längst nicht mehr.

Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. 1975 war Harsch mit seiner Familie als Spätaussiedler aus Kasachstan nach Ludwigshafen gekommen. In der Grundschule hatte er zunächst Probleme mit der neuen Sprache, lebte sich aber ein und schaffte es sogar aufs Gymnasium. Nach der neunten Klasse ging er ab, machte auf einer Handelsschule die mittlere Reife und begann danach eine Ausbildung zum Buchhändler.

Später holte er sein Abitur nach und begann in Frankfurt zu studieren: Ethnologie, Südostasienwissenschaften, Amerikanistik. „Für andere Völker und Kulturen habe ich mich schon immer interessiert“, sagt Harsch. Besonders die indigenen Stämme in Nordamerika hatten es ihm angetan, seine Magisterarbeit schrieb er über die Darstellung der Apachen in Film und Fernsehen. Dann kam das Ende des Studiums – und der Beginn der Arbeitslosigkeit. Das war 2004 und Alexander Harsch gerade einmal 36 Jahre alt. Eigentlich war es sein Plan gewesen, nach dem Studium in einem Museum zu arbeiten, auch einen Job in einer Bibliothek hätte er sich vorstellen können. Er schrieb mehr als 100 Bewerbungen, ohne Erfolg. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig als sich arbeitslos zu melden. Das ist er bis heute.

Die meisten Weiterbildungen sind eher sinnlos

Damit Langzeitarbeitslose wie Alexander Harsch wieder einen Job finden, bietet die Bundesagentur für Arbeit verschiedene Möglichkeiten zur Weiterbildung und Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt an. Mit den meisten Fördermaßnahmen, die das Jobcenter ihm bislang empfohlen hat, konnte Harsch jedoch nichts anfangen. Vor einigen Jahren hat er in Norddeich eine Weiterbildung zum Fachreferenten für Kulturtourismus und Kulturmanagement und in diesem Zusammenhang ein Praktikum in der Touristinformation im Ort gemacht. Es lief gut, die Arbeit machte ihm Spaß. Doch einen Job hatten sie dort nicht für ihn.

Die meisten Weiterbildungen seien aber sinnlos gewesen, sagt Harsch. Mal habe er zusammen mit Hauptschülern recherchieren sollen, wie man Bewerbungen schreibt, mal in einem Deutschkurs gesessen. „Und das, obwohl ich während meines Studiums als Deutschlehrer beim Internationalen Bund gearbeitet habe.“ Anfang des Jahres hat Alexander Harsch sich deswegen selbst eine Fortbildung ausgesucht: einen Kurs in Mannheim, drei Monate, in dem er seine Computerkenntnisse auffrischen wollte. Für ihn ergab das Sinn, für seine Beraterin offenbar nicht. „Die hat das abgelehnt und mir stattdessen eine zweijährige Ausbildung zum Fachinformatiker an der FH in Ludwigshafen vorgeschlagen.“ Für Harsch ist die Sache klar: „Mit diesen ganzen unnötigen Maßnahmen wollen die einen aus der Arbeitslosenstatistik raushaben. Ob man einen Job bekommt oder nicht, ist egal.“

Diesen Vorwurf weist die Bundesagentur für Arbeit zurück. Eine Sprecherin teilte der FR auf Nachfrage mit, dass „Arbeitslose, die sich aktuell zum Beispiel in einer Bildungsmaßnahme befinden, gar nicht als Arbeitslose zählen dürfen“, und verwies auf einen entsprechenden Passus im Sozialgesetzbuch III. Um die Arbeitslosenzahlen transparenter zu gestalten, würde aber zeitgleich mit der Arbeitslosenstatistik auch die Zahl der Unterbeschäftigten veröffentlicht. Dazu zählten unter anderen Menschen, die in Bildungsmaßnahmen seien.

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Zudem hat die Bundesagentur angeboten, dass Alexander Harsch die Behörde gegenüber der FR vom Sozialgeheimnis entbinden oder aber den Namen seines Jobcenters nennen könne. So könne ganz konkret geprüft werden, was Harsch zu seiner Kritik veranlasst habe. Harsch hat der FR seine Korrespondenz mit dem Jobcenter zur Verfügung gestellt. Die beiden Angebote der Bundesagentur hat er abgelehnt.

Geht es um Stellenangebote, verlässt sich Harsch ohnehin nicht auf das Jobcenter. „Sachen, die mich interessieren, haben die gar nicht im Programm.“ Hin und wieder habe ihn das Jobcenter zwar auf etwas aufmerksam gemacht. Die meisten der Stellen aber, für die er sich in den vergangenen Jahren beworben hat, habe er sich selbst ausgesucht. 

Nachdem er die Ausbildung zum Fachinformatiker Anfang dieses Jahres abgelehnt hatte, bekam er häufiger Post vom Jobcenter – Briefe mit offenen Stellen, auf die er sich bewerben sollte. Zum Treffen in seinem Stammcafé hat Harsch eine Liste mit diesen Angeboten mitgebracht. Montagehelfer, Lagerhelfer, Reinigungshelfer steht dort. Alle Angebote enden auf „-helfer“. Harsch, der während des Studiums in mehreren Museen gearbeitet hat und Homers Odyssee zu seinen Lieblingsbüchern zählt, hat sich für keine der Stellen beworben.

Er hält einiges auf sich, vor allem aber auf seine Ausbildung, das wird schnell deutlich. Er will arbeiten, bewirbt sich auf offene Stellen – aber eben nur auf solche, die ihm geeignet erscheinen. Die Jobs dagegen, auf die ihn seine Beraterin aufmerksam gemacht hat, will er nicht. Dass ein solcher Job besser wäre als nichts – immerhin wäre er vergütet und Harsch hätte eine Aufgabe –, weist er entschieden zurück. „So was mache ich nicht. Dafür hätte ich nicht studieren müssen.“

Alexander Harsch lebt von Hartz IV

Seine Beraterin drohte ihm daraufhin mit der Minderung seiner Bezüge und forderte ihn dazu auf sich zu äußern. Der Schriftwechsel zwischen Alexander Harsch und dem Jobcenter liegt der FR vor. Harsch schickte eine Stellungnahme, in der unter anderem zu lesen ist, dass er „grundsätzlich an Sklaventätigkeiten nicht interessiert“ sei. Zwei Tage später bekam er erneut Post von seiner Beraterin. Ihm wurde angekündigt, dass seine Bezüge im April, Mai und Juni jeweils um 30 Prozent – was 124,80 Euro entspricht – gekürzt würden.

Alexander Harsch lebt von Hartz IV. Pro Monat überweist ihm das Jobcenter 827 Euro, davon gehen 450 Euro für die Miete und 31 Euro für den Strom ab. Übrig bleiben 346 Euro. Nach der Ankündigung, dass ihm rund 125 Euro abgezogen würden, hat Harsch sich einen Anwalt genommen. Der legte Widerspruch gegen die Sanktion ein und argumentierte unter anderem damit, dass die zugesandten Stellenangebote Alexander Harsch wegen seiner Ausbildungen nicht zumutbar seien. Bekommt Harsch recht, muss er sich auf solche Stellenangebote nicht bewerben.

Jobcenter kürzt Bezüge

Zudem habe das Jobcenter ihm für April nicht wie angekündigt 30 Prozent, sondern gleich 60 Prozent der Bezüge gekürzt, sagt Harsch. Auch das habe sein Anwalt angefochten. Derzeit sehe es so aus, als bekomme er die Hälfte der ihm abgezogenen 60 Prozent wieder zurück. „Ohne meinen Anwalt wäre ich verloren“, sagt Harsch. 

Warum es nie geklappt hat mit einem Job, kann Harsch sich nicht erklären. Direkt nach dem Studium habe er sich noch Hoffnungen gemacht. „Aber vielleicht habe ich mich einfach nicht so geschickt angestellt, ich weiß es nicht.“ Mittlerweile sei er für die meisten Arbeitgeber wohl zu alt. Doch noch gibt er nicht auf. Während des Sommerlochs gab es für ihn zwar nicht viel zu holen. „Da finden Sie nichts“, sagt er. Mittlerweile hat er allerdings schon wieder einige Bewerbungen abgeschickt. Ausgang: ungewiss. 

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