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Titandioxid hat in Zahcreme die alleinige Funktion, sie strahlend weiß zu machen. Sonst wäre sie eher gräulich.
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Titandioxid hat in Zahcreme die alleinige Funktion, sie strahlend weiß zu machen. Sonst wäre sie eher gräulich.

Titandioxid in der Zahnpasta

Gefahr aus der Tube?

Für Lebensmittel hat die EU den Zusatz Titandioxid als „nicht mehr sicher“ eingestuft. Jetzt kündigen auch mehrere Zahnpasta-Hersteller einen Verzicht an. Doch nicht alle.

Ist die Zahnpasta strahlend weiß oder hat sie weiße Streifen, hängt dies in den meisten Fällen an Titandioxid, einem ebenso verbreiteten wie umstrittenen Farbstoff. Die weitaus meisten Pasten enthalten das Weißpigment, auf dem Etikett steht es oft unter der Fachbezeichnung CI 77891.

Auch in Kaugummi, Zuckerguss oder Schokonüssen sorgt Titandioxid für reinstes Weiß und glänzende Überzüge – noch. Anfang Mai hat die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA den mineralischen Stoff als „nicht mehr sicher“ für Lebensmittel eingestuft. Es sei nicht auszuschließen, dass Titandioxid bei oraler Aufnahme erbgutschädigend und krebsauslösend wirkt. EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides will den Zusatzstoff für Lebensmittel daher verbieten.

Wie auch bei Medikamenten zeichnet sich bei Zahnpasta bisher kein Verbot ab. Allerdings kündigen auf Anfrage des Nachrichtenportals Buzzfeed News Deutschland mehrere Hersteller an, ihre Produkte umzustellen und Titandioxid zu verbannen. Wie die Drogeriekette dm bei ihrer Eigenmarke Dontodent. Man verfolge nicht nur die wissenschaftlichen Entwicklungen, sondern „auch die Bedürfnisse unserer Kunden“, erklärt dm-Geschäftsführerin Kerstin Erbe. „In diesem Zusammenhang arbeiten wir bereits seit einiger Zeit an Rezepturen ohne Titandioxid, die wir unseren Kunden hoffentlich bald zur Verfügung stellen können.“

Erbe bestätigt, dass Titandioxid keine funktionale Bedeutung für die Zahnpasta hat – es geht allein um den optischen Effekt, das strahlende Weiß. „Sofern in der Rezeptur auf das Weißpigment verzichtet wird, erhält die Zahncreme in der Regel eine gräuliche Farbe.“

Der Unilever-Konzern (unter anderem Hersteller der Zahnpasta Signal) gibt auf Anfrage an, aufgrund von sich „verändernden Verbraucherpräferenzen“ schrittweise auf Titandioxid-freie Zahnpflegeprodukte umzustellen. „In Deutschland enthält nur noch ein einziges Produkt diesen Inhaltsstoff, an dessen Ersatz wir derzeit arbeiten“, so eine Sprecherin per E-Mail.

Auch das Berliner Unternehmen Dentinox, das die weit verbreitete Kinder-Marke Nenedent herstellt, stellt einen Verzicht noch in diesem Jahr in Aussicht. Marktführer Colgate-Palmolive (Colgate, Dentagard) will sich auf Anfrage hingegen nicht zu dem Thema äußern, andere Hersteller sehen offenbar keinen Handlungsbedarf – so die Produzenten von Odol, Oral-B und blend-a-med und die Drogeriekette Rossmann (Eigenmarke Prokudent). Die Produkte seien unbedenklich, heißt es pauschal.

Doch wie riskant ist Titandioxid in Zahnpasta? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten – jedenfalls nicht ohne die Daten der Hersteller. Die EFSA bezieht ihre Einstufung der Verbindung als „nicht sicher“ ausdrücklich nur auf Titandioxid als Lebensmittelzusatzstoff (E 171). Als problematisch gilt dabei, wenn das Titandioxid zum Teil auch aus winzigen Partikeln in Nanogröße besteht.

Zentral für die Risikobewertung ist also die Frage: Enthält „CI 77891“ in Zahncremes Nanopartikel oder nicht? Tatsächlich geben mehrere Zahnpasta-Hersteller ausdrücklich an, bei ihren Produkten „kein Nanomaterial“ einzusetzen. Was sie damit nicht sagen ist: Ob ihre Zahnpasta damit auch wirklich frei ist von Titandioxid-Nanopartikeln. Denn ob dm, Procter & Gamble oder Unilever – sie alle berufen sie sich bei ihrer Aussage auf die formaljuristische Definition von „Nanomaterial“ in der europäischen Kosmetikverordnung.

Die Verordnung definiert nur das als Nanomaterial, was gezielt in dieser Partikelgröße hergestellt wurde. Ob das in der Zahnpasta genutzte Titandioxid – wie bei Lebensmitteln – am Ende auch Nanopartikel enthält, ungewollt, ist damit noch lange nicht gesagt. Die europäischen Regularien ließen das zu, solange die Anzahl der Teilchen in Nanogröße unter 50 Prozent bleibt.

Um das Risiko näher einschätzen zu können, müsste also die genaue Partikelgrößenverteilung des Titandioxids in den Zahnpasten auf dem Markt bekannt sein. Doch in dieser entscheidenden Frage sind die Risikobehörden blank. Nano oder kein Nano in der Zahnpasta – weder die EFSA noch die Europäische Kommission hatten auf Anfrage eine Antwort.

Auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kann die Lage derzeit „nicht beurteilen“, ihm lägen schlicht keine Daten vor, in welchen Partikelgrößen Titandioxid in Zahncremes zu finden ist. Auch auf wiederholte Anfrage machte keiner der Hersteller Angaben zu den in den Pasten tatsächlich vorhandenen Partikelgrößen.

Die gesetzliche Grundlage für die Firmen könnte sich in Zukunft ändern. Ohne Details zu nennen, kündigte die Europäische Kommission auf Anfrage regulatorische Maßnahmen für die Kosmetikbranche an. Was das für die Zahnpasta heißt? Hierzu werde die Kommission den Wissenschaftlichen Ausschuss für Verbrauchersicherheit (SCCS) mit einer Einschätzung beauftragen. Anschließend werde sie entscheiden, „ob zusätzliche Regulierungsmaßnahmen erforderlich sind“.

Offenlegung: Der Autor war bis Februar 2021 Geschäftsführer der Verbraucherorganisation foodwatch, die sich für ein Verbot von Titandioxid als Lebensmittelzusatzstoff ausspricht.

Die Redaktion von Buzzfeed News Deutschland gehört, wie die FR, zum Ippen Verlag. Sie berichtet regelmäßig über Machtmissbrauch, Ausbeutung, und schlechte Arbeitsbedingungen. Sie erreichen sie unter recherche@buzzfeed.de

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