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Gefährlicher Weißmacher

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Zähneputzen sollte früh zum Ritual werden. Doch was, wenn Kinder die Zahnpasta dabei verschlucken?
Zähneputzen sollte früh zum Ritual werden. Doch was, wenn Kinder die Zahnpasta dabei verschlucken? © imago images/Westend61

Für Lebensmittel wird der krebsverdächtige Farbstoff Titandioxid verboten, in Zahnpasta darf er vorerst weiter eingesetzt werden. Auf Betreiben der Kosmetiklobby zögert die Europäische Union Risikoprüfung hinaus. Von Martin Rücker.

Wegen möglicher Gesundheitsrisiken wird der Farbstoff Titandioxid von diesem Sommer an EU-weit für Lebensmittel verboten sein. Zuckerguss und Kaugummi dürften dann nicht mehr ganz so strahlen wie bisher, denn der vor allem in Süßwaren verbreitete Zusatz gilt als „weißer“ als andere. Auch die meisten Zahnpasten enthalten Titandioxid. Ihnen darf der umstrittene Farbstoff jedoch vorerst weiter beigemischt werden, allen Bedenken zum Trotz. Die Kosmetiklobby kämpft dafür, dass dies auch so bleibt – bisher mit einigem Erfolg.

Ausgelöst hatte die Aktivitäten eine neue Risikobewertung der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA. Im Mai 2021 stufte sie Titandioxid als „nicht mehr sicher“ für Lebensmittel ein: Es sei nicht auszuschließen, dass der Farbstoff erbgutschädigend und krebserregend wirke. Anfang 2022 verabschiedete die EU vorsorglich das Verbot von Titandioxid in Lebensmitteln, nach sechs Monaten tritt es in Kraft.

Doch was bedeutet die EFSA-Bewertung für Zahncreme? Auch hier sorgt Titandioxid für ein strahlendes Weiß, aus Marketingsicht der Inbegriff von Sauberkeit. Ein Großteil der Pasten im deutschen Markt enthält den Farbstoff, in der Zutatenliste oft unter dem Pigmentnamen „Cl 77891“ aufgeführt.

Titandioxid: Ausschuss für Verbrauchersicherheit soll Risiko einschätzen

Noch im Mai 2021, kurz nach der EFSA-Veröffentlichung, kündigte die EU-Kommission eine Risikoprüfung für Zahnpasten an. Ihr für Kosmetikprodukte zuständiges Beratergremium, der Wissenschaftliche Ausschuss für Verbrauchersicherheit (SCCS), solle die Lage einschätzen, anschließend wolle man gemeinsam mit den EU-Mitgliedstaaten beraten, „ob auch für Zahnpasten regulatorische Maßnahmen erforderlich sind“. Auch die Bundesregierung und das Bundesinstitut für Risikobewertung sprachen sich für eine Risikoabschätzung durch den SCCS aus.

Seitdem ist fast ein Jahr vergangen, doch der Wissenschaftliche Ausschuss hat mit seiner Arbeit noch nicht einmal begonnen. Voraussichtlich in diesem Mai will die Europäische Kommission dem SCCS überhaupt erst das nötige Mandat zur Prüfung erteilen – es geht dabei wohlgemerkt um eine wissenschaftliche Risikoanalyse, nicht um eine Entscheidung über politische Maßnahmen. Wie die FR aus Kommissionskreisen erfuhr, war es die Kosmetiklobby, die für die Vertagung sorgte.

TITANDIOXID

Das Weißpigment Titandioxid ist die meistverkaufte Pigmentsorte für Farben, Lacke, Papier und Kunststoffe. Gebraucht wird es aber auch zum Beispiel für die Herstellung von Glas, Keramik und Katalysatoren. In Lebensmitteln und Medikamenten wird Titandioxid ebenso eingesetzt wie in Sonnenschutzcreme und Zahnpasta.

Unter dem Oberbegriff Titandioxid fasst man Ilmenit, Leukoxen, natürlichen und synthetischen Rutil sowie Titanschlacke zusammen. Alle diese Produkte enthalten unterschiedliche Titandioxidanteile – abhängig von Produkttyp und Ursprungsland.

Die Rohstoffe für Titandioxid kommen aus wenigen Ländern, zum Beispiel Südafrika, Sierra Leone und Saudi-Arabien, aber auch aus der Ukraine. Aufgrund des Krieges dort verschärfen sich nun die Lieferengpässe für europäische Verarbeiter, wie der Fach-mediendienst Euwid berichtet. Die zwei ukrainischen Titandioxidhersteller Krymskij Titan und JSC Sumyhimprom haben laut Euwid ihre Produktion auf unbestimmte Zeit eingestellt. FR

Bei einem Arbeitsgruppentreffen von Kommission, Behörden der Mitgliedstaaten und Industrie meldete der Lobbyverband Cosmetics Europe bereits im Juni 2021 Bedenken gegenüber einer schnellen Beauftragung der wissenschaftlichen Prüfung an. Bei einem weiteren Treffen am 12. November 2021 beantragte der Verband offiziell eine Verschiebung, um erst ein eigenes „Dossier“ zur Sicherheitsfrage vorlegen zu können. Von Kommission und Mitgliedstaaten kam kein Widerspruch – die Kosmetiklobby erreichte ihr Ziel.

Auf Nachfrage bestätigt Cosmetics Europe den Vorgang. In dem Dossier wolle sich die Branche intensiv mit den Hinweisen auf eine mögliche genotoxische Wirkung befassen, so eine Sprecherin. Die Europäische Kommission wiederum ließ sich auf den Lobbyvorstoß ein, weil sie keine „akuten“ Gesundheitsrisiken erkannte – ein Terminus, der üblicherweise verwendet wird, wenn eine Substanz nicht unmittelbar nach dem Konsum zu einer Erkrankung führt. Doch sollte sich der Verdacht einer erbgutschädigenden oder krebserregenden Wirkung bestätigen, dürfte es für die Verbraucher:innen zweitrangig sein, ob gesundheitliche Folgen „akut“ oder erst später eintreten.

Titandioxid: Nanopartikel können Schleimhaut durchdringen

So lässt sich das Thema auch anders betrachten: Es geht um einen Stoff, der allein aus optischen Gründen in Zahnpasta eingesetzt wird, in den Produkten also ohne weiteres verzichtbar ist – und um relevante Zweifel an seiner Sicherheit. Zwar wird Zahnpasta nicht wie Lebensmittel verzehrt, dennoch hat die EFSA-Bewertung durchaus Relevanz für Zahnpasta.

Im Jahr 2016 legte eine niederländische Studie nahe, dass bei Kindern das versehentliche Verschlucken von Zahnpasta wesentlich zur Titandioxidaufnahme beiträgt. Dass es dabei nur um geringe Mengen geht, ist nicht entscheidend: Beim Lebensmittelzusatzstoff ging die EFSA davon aus, dass sich die Substanz im Körper anreichern kann, eine unbedenkliche Aufnahmemenge konnte sie daher nicht benennen.

Fraglich ist zudem, welche Rolle der Kontakt mit der Mundschleimhaut spielt. Eine norwegische Studie lieferte 2017 Hinweise darauf, dass Nanopartikel von Titandioxid die Schleimhaut durchdringen können.

Titandioxid: Drogeriekette dm verbannt den Stoff aus ihren Eigenmarken

Cosmetics Europe wollte diese konkreten Fragen nicht kommentieren. Die Industrie sei von der Sicherheit ihrer Produkte „überzeugt“, erklärte eine Sprecherin unter Verweis auch auf individuelle Bewertungen durch die Hersteller. Diese gehen mit der Thematik ganz unterschiedlich um. Die Drogeriemarktkette dm etwa arbeitet längst an einer Umstellung aller Zahnpasten der Eigenmarke Dontodent auf titandioxidfreie Rezepturen. „Noch im ersten Halbjahr 2022 wird diese Umstellung abgeschlossen sein“, so dm-Geschäftsführerin Kerstin Erbe.

Auch der Pharmakonzern GSK hat vor einigen Monaten Zahncremes der Marke Parodontax überarbeitet – und den umstrittenen Farbstoff neu in bisher titandioxidfreie Formeln aufgenommen. Statt dunkelrosa sind die betroffenen Pasten nun hellrosa. Um Titandioxid nicht nur aus Lebensmitteln, sondern auch aus Zahnpasten zu verbannen, bedürfte es wohl ebenfalls einer politischen Regulierung. Dazu müsste erst einmal eine Sicherheitsbewertung vorliegen.

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