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Die Forschungsinstitute präsentieren ihre Konjunkturprognose.

Konjunktur

Gedämpftes Wachstum

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Die führenden Wirtschaftsinstitute warnen vor erheblichen Konjunkturrisiken. Vor allem ein eskalierender Handelskonflikt könnte eine schwere Rezession auslösen.

Milliardenüberschüsse in den öffentlichen Haushalten, ausgelastete Unternehmen, übervolle Auftragsbücher, immer neue Rekorde bei der Beschäftigung – es wird unweigerlich eine Zeit kommen, in der man sich mit Wehmut an die nun schon seit sechs Jahren andauernde Konjunkturphase erinnern wird. Noch ist der Aufschwung nicht vorbei, aber er schwächst sich zunehmend ab. Zugleich steigen die weltweiten Risiken. Zu diesem Schluss kommen die führenden Wirtschaftsinstitute in ihrem Herbstgutachten.

„Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft verliert an Fahrt“, sagte der Konjunkturchef des Essener RWI-Instituts, Roland Döhrn, am Donnerstag in Berlin bei der Vorstellung des Gutachtens. Grund ist unter anderem die sinkende Nachfrage aus dem Ausland. Weitreichende Auswirkungen hat das aber zunächst nicht. Denn die deutsche Wirtschaft gilt derzeit als „überausgelastet“, es gibt keine ausreichenden Produktionskapazitäten und nicht genügend Arbeitskräfte, um die vorliegenden Aufträge abzuarbeiten. Die Abschwächung der Konjunktur führt also zunächst zu einer Normalisierung der Situation. 

Das Minus bei der Vorhersage des Wirtschaftswachstums ist entsprechend gering: Für 2019 wird von den Forschungsinstituten jetzt ein Plus von 1,9 statt bisher 2,0 Prozent erwartet. Als Stütze der Konjunktur betrachten die Institute die Anfang des kommenden Jahres geplanten Steuer- und Abgabensenkungen. So werden die Arbeitnehmer beispielsweise durch die Rückkehr zur hälftigen Finanzierung der Krankenkassenbeiträge entlastet. Zudem gehen die Experten von weiterhin kräftigen Lohnerhöhungen aus. Eine übertarifliche Bezahlung gewinne zunehmend an Bedeutung, so die Institute.

Für das laufende Jahr senkten die Forscher ihre Wachstumsprognose gegenüber dem Frühjahr zwar stärker, und zwar um 0,5 Punkte auf 1,7 Prozent. Das hat aber nichts mit einer mangelnden Nachfrage zu tun. Vielmehr liegt es an den Problemen der Autokonzerne mit dem neuen WLTP-Verfahren, mit dem Abgasausstoß und Verbrauch realistischer ermittelt werden. Da die Hersteller die Umstellung nicht in den Griff bekamen, musste vielerorts die Produktion gedrosselt und die Auslieferung gestoppt werden. Diese Schwierigkeiten werden nach Ansicht der Institute aber zum Jahresende überwunden sein. 

Besorgt schauen die Forscher auf die internationale Lage: Deutschland und Europa seien bisher von dem von den USA ausgehenden Handelskonflikt weitgehend verschont geblieben, heißt es in der Gemeinschaftsdiagnose, die der Bundesregierung als Basis für ihre Prognosen dient. Aber: „Eine Eskalation des Handelskonflikts, die zu erheblichen Zollerhöhungen der USA auf breiter Front führt, dürfte in Deutschland und in Europa eine schwere Rezession auslösen“, warnen die Experten. Vergeltungsmaßnahmen könnten den Konjunkturabbruch in der EU zwar abmildern, dann aber wiederum in den USA zu einem Einbruch führen – mit entsprechenden Rückwirkungen auf Europa. 

Kritik an Wohnungspolitik

US-Präsident Donald Trump hat Sonderabgaben auf Autos aus der EU – den größten deutschen Exportschlager – ins Spiel gebracht. Derzeit verhandeln beide Seiten darüber, weshalb in dieser Frage eine Art Waffenstillstand herrscht. Gegen China hat Trump dagegen bereits im großen Stil Sonderzölle verhängt. Als weitere Risikofaktoren für die deutsche Wirtschaft nennen die Konjunkturforscher einen ungeordneten EU-Ausstieg Großbritanniens (No-Deal-Brexit) und eine mögliche Schuldenkrise in Italien. 

Traditionell übten die Experten auch Kritik an der Bundesregierung. Im Mittelpunkt stehen dabei die Beschlüsse zur Wohnungspolitik, hier insbesondere das Baukindergeld. Derartige kurzfristige Initiativen führten nur zu Mitnahmeeffekten – die Förderung nutzen Menschen, die ohnehin bauen wollen – und kräftig steigenden Preisen, weil die Bauwirtschaft ohnehin gut ausgelastet sei, sagte Döhrn und sprach von „Strohfeuereffekten“. Die Förderpolitik müsse stärker auf Kontinuität angelegt sein, forderten die Experten. Konkret nannten sie eine ausreichende Bereitstellung von Bauland und die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren.

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