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Zu kurz gedacht

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Auf der Anzeigetafel der Frankfurter Wertpapierbörse wird die Tagesentwicklung des Deutschen Aktienindex Dax dargestellt
Auf der Anzeigetafel der Frankfurter Wertpapierbörse wird die Tagesentwicklung des Deutschen Aktienindex Dax dargestellt © Arne Dedert/dpa

Einseitige Theorien, vereinfachende Modelle: Die Volkswirtschaftslehre greift bei komplexen geldpolitischen Zusammenhängen viel zu kurz. Das ist angesichts der aktuellen Herausforderungen ein Problem. Die Kolumne „Gastwirtschaft“ von Friederike Reimer.

Alles wird teurer, die Politik diskutiert über Entlastungspakete und die Zentralbanken haben die Zinsen erhöht. Wer „was mit Wirtschaft“ studiert, könnte sich jetzt eigentlich bestens in die aktuellen Debatten einmischen. Das Studium der Volkswirtschaftslehre greift jedoch zu kurz, wenn es darum geht, die komplexen geld- und finanzpolitischen Zusammenhänge zu erklären.

Wo liegt das Problem? In den Vorlesungen lernen wir, dass die Zentralbank die Geldmenge steuert, welche wiederum die Inflation beeinflusst. Die Dozierenden bringen diese Sichtweise beispielsweise mit dem Ökonomen Milton Friedman auf den Punkt: „Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen.“

Dass diese Ansicht nur eine von vielen wirtschaftswissenschaftlichen Denkschulen abbildet und sich der Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation immer mehr auflöst, ist kaum Thema. Die Kombination aus einseitigen Theorien und vereinfachenden Modellen ist zu kurz gedacht. Denn es gibt wenig Raum für die großen Fragen, die die Welt bewegen. Zum Beispiel in der Klimapolitik.

Was ist die Rolle der Zentralbanken für die grüne Wende? Wenn wir bei hoher Inflation bereit sind, mit höheren Zinsen die Wirtschaft potenziell abzuwürgen, warum sprechen wir dann angesichts der Klimakrise von Interessen, die wir abwägen müssen, und Kosten, die wir nicht bereit sind zu zahlen?

An der Universität erhalten wir als Wirtschaftsstudierende keine Antworten auf diese Fragen – wenn sie überhaupt gestellt werden. Dass erst selbstorganisierte Lesekreise die großen Aha-Momente schaffen und das eigentliche Studium nur einen frustrierten Nachgeschmack hinterlässt, ist eine Schande. Immerhin teilen Thinktanks wie das Dezernat Zukunft und die Initiative Finanzwende ihr Wissen um komplexe Fragen der Finanzpolitik auf zugängliche Weise. Sie zeigen, dass es auch anders geht und dass man Studierenden einen realitätsnahen Blick auf Themen wie Inflation und Geldpolitik zutrauen kann.

Finanzmärkte und Zentralbanken sind zutiefst komplex – ökonomisch, politisch und rechtlich. Die ökonomische Lehre muss diesen so wichtigen Themen gerecht werden. Wenn (angehende) Experten und Expertinnen die Zusammenhänge nicht verstehen und keine neuen Fragen stellen können, haben wir als Gesellschaft angesichts der aktuellen Herausforderungen ein Problem.

Die Autorin ist Mitglied des Netzwerks Plurale Ökonomik.

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