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Zerrissene Gesellschaft

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Von: Heinz-Josef Bontrup

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Über den Preis funktioniert viel.
Über den Preis funktioniert viel. © Imago

Am unerträglichsten ist die hohe Inflation für ein Millionenheer prekarisierter Menschen; geschaffen und zu verantworten von neoliberalen Regierungen in den vergangenen 30 Jahren. Die Kolumne „Gastwirtschaft“. 

Inflation zeigt uns Preissteigerungen und einen Wertverlust des Geldes an. Dies wissen jetzt, mit der Rückkehr der Inflation, wohl alle, sollte man jedenfalls meinen. Ganz sicher bin ich mir dabei aber nicht. Die mit Inflation verbundenen ökonomischen Implikationen und deren Wirkungen sich vielfältig, sie sind ambivalent, sie „produzieren“ Verlierer und Gewinner. Der Preis, das wusste schon Adam Smith, ist die gefährlichste Waffe der Unternehmer. Warum? Ganz einfach, weil hinter Preissteigerungen keine Leistung steht. Preissteigerungen gehen direkt in den Profit. Somit ist die Forderung zur Abschöpfung einer Übergewinnsteuer schnell erklärt und begründet.

Mit Preisen kann man umverteilen, nicht nur von den Arbeitsentgelten zu den Mehrwerteinkommen (Profit, Zins, Grundrente). Was der eine gewinnt, muss ein anderer verlieren. Hier gibt es dann nicht nur einen kapitalistischen Verteilungsantagonismus zwischen Lohnabhängigen und Kapitalisten, sondern auch unter den Mehrwertaneignern. Karl Marx nannte dies den „Kampf der feindlichen Brüder“.

Und selbst der Staat profitiert von Inflation durch real weniger Schulden und steigende Umsatzsteuereinnahmen. Alle Schuldner sind selbstverständlich Inflationsprofiteure und alle Gläubiger verlieren. Da kann man wie Olaf Scholz (SPD) als ehemaliger Bundesfinanzminister, entgegen der Warnung des Bundesrechnungshofes, schon mal auf die Idee kommen und inflationsindexierte Bundesanleihen ausgeben. Dabei handelt es sich schlicht um eine Wette zwischen Schuldner (Staat) und den Käufern einer Anleihe. Bleibt die Inflation niedrig, dann muss der Staat gegenüber konventionellen Anleihen weniger Zinsen zahlen und umgekehrt halt mehr.

Ist dann wohl dumm gelaufen, Herr Bundeskanzler. Jetzt muss der neue Finanzminister, Christian Lindner (FDP), bei hoher Inflation beträchtlich mehr Zinsen berappen. Statt 16 fast 30 Milliarden Euro im nächsten Haushaltsjahr.

Das alles ist unerträglich. Ich weiß. Aber am unerträglichsten ist Inflation für ein Millionenheer prekarisierter Menschen; geschaffen und zu verantworten von neoliberalen Regierungen in den vergangenen 30 Jahren. Wenn hier jetzt Inflation auf eine schon zerrissene Gesellschaft in Deutschland trifft, dann wird sich der Riss noch vergrößern. Die Armutsquote wird steigen. Und trotzdem bleibt die Ampel-Regierung weiter auf neoliberalen Kurs.

Der Autor ist Wirtschaftswissenschaftler und emeritierter Professor.

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