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Wutergüsse und Shitstorms

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Von: Mona Schnell

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Man sollte gründlich darüber nachdenken, bevor man Hass im Netz verbreitet.
Man sollte gründlich darüber nachdenken, bevor man Hass im Netz verbreitet. © Christian Ohde/imago

Negative Kommunikation löst negatives Verhalten aus – beim Empfänger einer Botschaft, aber auch beim Sender. Bevor wir Panik, Wut und Hass verbreiten, lohnt es sich daher, ganz egoistisch darüber nachdenken, was das mit uns anstellt. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

In Krisen kochen Emotionen hoch und die Vernunft bleibt viel zu häufig auf der Strecke. Dieses Phänomen spiegelt sich auch in unserer Art zu kommunizieren wider. Folgt man Kommentaren auf Social-Media-Plattformen, scheinen Hass und Frust zu überwiegen – egal, um welches Thema es geht. Gefühlt schleudert jeder der Welt alles vor die Füße, was emotional überkocht. Wer sich nicht mindestens schon einmal seinen Frust über Verspätungen der Deutschen Bahn bei Facebook von der Seele geschrieben hat, möge den ersten Stein werfen.

Es ist natürlich und verständlich, dass Kommunikation in Krisenzeiten als Ventil unsere Emotionen nach draußen lässt. Das heißt aber nicht, dass wir alles, was wir sagen dürfen, auch immer wieder sagen sollten. Denn wer verbal Angst, Hass und Irreführung sät, wird kurzfristig zwar Aufmerksamkeit, auf lange Sicht aber Desinteresse und Resignation ernten.

Clickbaiting oder Likebaiting, wie wir die Sucht nach Social-Media-Reaktionen nennen könnten, nutzt sich ab. Und schmeckt der Köder dem Fisch nicht mehr, kann der beste Angler nichts erbeuten. Ebenso wenig wie emotionale Wutergüsse, brauchen wir aber die öffentlichen Shitstorms, die das Weltbild bei „Fehltritten“ ständig wieder geraderücken und das verbale aufeinander Einschlagen nur fortführen. Viel wichtiger und wirksamer ist die Selbstüberprüfung. Denn verantwortungs- und wirkungsvoll zu kommunizieren, bedeutet nicht nur rhetorische Tricks und Kniffe zu beherrschen. Es fordert viel mehr, das eigene Overton-Fenster nicht ständig weiter zu öffnen, da Polarisierung immer auch Trennung und Spaltung bedeutet. Krisen lassen sich aber nur zusammen meistern.

Wir wissen, aus Kommunikation entsteht Verhalten. Negative Kommunikation löst also negatives Verhalten aus – beim Empfänger einer Botschaft, aber auch beim Sender. Bevor wir Panik, Wut und Hass verbreiten, lohnt es sich daher ganz egoistisch darüber nachdenken, was das mit uns anstellt.

Vielleicht müssen wir jeden Kommentar, bevor wie ihn posten, einmal als E-Mail an uns selbst schicken oder wir zwingen uns, erst einmal etwas anderes zu erledigen, bevor wir öffentlich haten. Hoffentlich posten dann auch diejenigen wieder etwas, die aus Angst vor Kommentaren aktuell lieber stumm bleiben.

Die Autorin schreibt Bücher und Texte für Expert:innen und Künstler.

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