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Wünschen und loslassen

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Von: Boris Grundl

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Jahreswechsel 2016 – 2017: So schön kann´s  am Eisernen Steg aussehen.
So schön jeder Start ist, so wichtig ist das bewusste Loslassen.  © Rolf Oeser

Ziele setzen kann motivieren. Dabei ist es sinnvoll sich auf das Mögliche zu besinnen, anstatt Ansprüche zu erheben. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

In seinem Gedicht „Stufen“ beschreibt Hermann Hesse den Wechsel von Beginn und Abschied: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ...“ Ob Jahresstart, frischer Job oder neues Projekt – so schön jeder Start ist, so wichtig ist das bewusste Loslassen. Beginnen wir etwas, setzen wir uns Ziele. So weit, so gut. Unbewusst mutieren diese schnell zu Erwartungen. Darin liegt die Krux: Unerfüllte Erwartungen werden zu Unglücksgaranten, Erfüllungen entwickeln sich zur Selbstverständlichkeit. Vermeiden lässt sich diese Verschiebung, indem wir unsere Haltung bei Erwartungen klarer differenzieren.

Profis unterscheiden zwischen Bedürfnissen, Ansprüchen und Wünschen. Bedürfnisse zeigen sich sehr klar: Es beginnt mit Schlaf, Nahrung, Sicherheit. In bestimmten Bereichen sind sie sehr sinnvoll, woanders limitieren sie uns. Interessant wird das „Ich brauche …“, wenn eine objektiv nicht bedrohliche Situation trotzdem zu passiv-aggressiven Verhalten führt. Dann kippt es. Solche Klagen entstehen, wenn jemand ein Ergebnis erzwingen will. Kläger manövrieren sich in die Opferhaltung: „Wenn du mir das verwehrst, kann ich mein Ziel nicht erreichen.“

Pocht jemand auf sein Recht, formuliert er Ansprüche: „Ich verlange vom Chef, vom Team, vom Leben …“ Hohe Ansprüche klingt zunächst positiv-leistungsorientiert. Doch sie sind nur bedingt sinnvoll. Jenseits einer Grenze schaden sie. Denn wer von anderen mehr fordere als von sich selbst, rutscht in Vorwürfe: „Du musst, die müssten, alle sollten…“ Ansprüche verhindern Anerkennung. Egal, wie gut jemand abliefert – er erfüllt immer nur das Mindestmaß. Andere setzen ihre eigene Leistung herab: „Es ist ja normal, dass ich das erreicht habe.“

Erst die dritte Haltung bringt uns weiter: Wünsche. Zwischen „Ich verlange, dass …“ und „Ich würde mir wünschen, …“ liegen Welten. Wünsche lassen Freiheit. Und man spürt Vorfreude – ohne dass daraus ein Anspruch wird. Beim Wünschen hat jemand eine konkrete Vorstellung der Zukunft. Er besinnt sich auf das Mögliche und handelt konsequent in diese Richtung. Dabei missbraucht er weder sich noch andere. Für ihn steht fest, dass er sein Ziel erreicht. Es bleibt nur die Frage wann und wie. Am Ende kann er zupacken und gleichzeitig loslassen – zupackendes Loslassen. Diesen mentalen Zustand wünsche ich Ihnen von Herzen – nicht nur für 2023.

Der Autor ist Führungskräfteentwickler mit eigener Akademie und Vortragsredner.

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