Ist diese Arbeit nichts wert?
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Ist diese Arbeit nichts wert?

Gastwirtschaft

Werte neu definieren

  • vonMarkus Krecik
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Mit den richtigen Fragen in eine gerechtere Gesellschaft.

Was ist Wert(voll)? Wertvoll ist alles, was Geld bringt. So funktioniert, zumindest momentan, unser kapitalistisches Wirtschaftssystem. Wenn Konsument*innen eine Ware weniger wertschätzen, so wird diese weniger nachgefragt, und ihr Preis sinkt. Kann eine Ware nicht verkauft werden, so kann auch die Arbeiter*in nicht entlohnt werden. Dies regelt der „neutrale“ Markt über Angebot und Nachfrage. Aber was bedeutet diese Logik für unbezahlte Reproduktionsarbeit, wie Haus und Pflegearbeit, welche hierzulande überwiegend von Frauen gestemmt wird? Ist diese demnach nichts wert?

Für einige marxistische Feminist*innen, wie etwa Roswitha Scholz, wäre dies die falsche Frage. Für sie geht es nicht nur darum, wie fair Reproduktionsarbeit im direkten Vergleich mit der „produktiven“ Lohnarbeit entlohnt werden sollte. Vielmehr geht es ihr um die subjektive Wahrnehmung von „Wert“. Da unsere Wertvorstellung historisch durch das Patriarchat beeinflusst ist, ordnen wir Wert auch nur der „produktiven“ Arbeit zu, und werten Reproduktionsarbeit ab.

Kapitalismus und Patriarchat sind zugleich wirtschaftliche und gesellschaftliche Systeme und untrennbar miteinander verflochten. Die Reproduktionsarbeit verschwindet aus unserem Wertverständnis, und mit ihr die emotionale Arbeit und Fürsorge. Wenn Politiker*innen und Unternehmer*innen von „Wertschöpfung“ reden, so meinen sie nur arbeitsteilige Dienstleistungen und Warenproduktion, Arbeitsplätze, das BIP Wachstum. Sprich: den ganzen brummenden, männlich konnotierten Wirtschaftsapparat.

Während auf den Finanzmärkten nur Geld hin und hergeschoben wird, werden die wirklich wertvollen Tätigkeiten außerhalb der wirtschaftlich bezifferbaren Sphären erledigt, und damit entwertet. Patriarchale Strukturen haben uns dazu konditioniert, abstrakte Kategorien wie Wert kaum noch zu hinterfragen. Im Kapitalismus werden die Grenzen nochmals klarer ausbuchstabiert: Produktionsarbeit ist wertvoll. Reproduktionsarbeit ist wertlos.

Was zeigt uns dieser Perspektivwechsel für den Weg in eine gerechtere Gesellschaft? Zuallererst, dass wir uns fundamentale Fragen neu stellen müssen: Was soll wertvoll sein? Und wer soll darüber entscheiden?

Markus Krecik, Autor dieser Kolumne aus unserer Reihe „Gastwirtschaft“, ist Student der Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin. Er ist Teil der Gruppe „Was ist Ökonomie?“, die sich mit feministischen und anderen kritischen Perspektiven auf die Ökonomie befasst.

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