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Wem nützt das?

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Von: Anja Piel

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Heizung runter, kürzer Duschen, Fenster abdichten - dazu rät das Wirtschaftsministerium in einer Energiespar-Kampagne.
Heizung runter, kürzer Duschen, Fenster abdichten - dazu rät das Wirtschaftsministerium in einer Energiespar-Kampagne. © Annette Riedl/dpa

Wo die Energiespar-Tipps des Wirtschaftsministeriums wirklich angebracht wären. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Liebe 80 Millionen“, wendet sich das Wirtschaftsministerium mit seiner Energiespar-Kampagne an die Menschen im Land: Heizung runter, kürzer Duschen, Fenster abdichten. Schwieriger wird für viele schon, effizientere Waschmaschinen anzuschaffen – ein Drittel der Haushalte kann wegen geringer Einkommen nichts für kurzfristige Anschaffungen zurücklegen. Auch fürs Homeoffice gibt es Tipps vom Minister. Laptop statt Desktop, weil: kleine Geräte brauchen weniger Energie. Weiß er nicht, dass Arbeiten mit dem Laptop ungesund für Rücken, Nacken und Augen ist? Und dass vermutlich viele Beschäftigte da ohnehin keine Wahl haben, weil der Arbeitgeber während Corona nicht einmal einen Monitor zur Verfügung gestellt hat?

Apropos Homeoffice: Betriebe zu schließen und Arbeit im Winter wieder an die heimischen Küchentische zu verlagern wird ebenfalls diskutiert. Cui bono, wem nützt das? Genau: den Arbeitgebern. Sie wollen so die Kosten für Arbeit – dazu gehört das Heizen der Betriebsstätten – auf die Beschäftigten abwälzen. Als es beim Homeoffice noch um den Infektionsschutz ihrer Beschäftigten ging, musste man Arbeitgeber per Verordnung zum Angebot zwingen – jetzt plötzlich rufen manche danach.

Für die Gewerkschaften ist klar: Energiesparen am Arbeitsplatz darf niemanden krank machen, egal ob im Betrieb oder zu Hause. Der Schutz der Gesundheit der Beschäftigten muss immer im Vordergrund stehen. Das gilt auch für niedrigere Temperaturen in Betrieben: Den irrlichternden Vorschlag aus dem Wirtschaftsministerium, Mindesttemperaturen zu Höchsttemperaturen zu erklären, haben die Gewerkschaften abgelehnt.

Die Mindesttemperaturen sind auf wissenschaftlicher Basis gesetzt und dürfen nicht mit einem Kunstgriff umgangen werden. Wer Energie sparen will, kann Arbeitsstätten energetisch sanieren, Vorlauftemperaturen absenken und bei der Arbeitsorganisation nachsteuern. Der Minister könnte aber auch andere Potenziale entdecken: Wie wäre es mit Energiespartipps zum Golfplatz oder Inlandsflug? Das reichste Prozent der Bevölkerung verbraucht zusammen so viel Energie wie die unteren 16 Prozent. Kampagnen-Zielgruppe wären dann nicht die „lieben 80 Millionen“, sondern die „400 000 Haushalte an der Spitze.“

Die Autorin ist Mitglied im geschäftsführenden DGB-Bundesvorstand und verantwortet die Themen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sowie Rechtspolitik, Migration und Antirassismus.

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