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Wem gehört die Erde?

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Von: Carsten Herrmann-Pillath

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Den mittelalterlichen Begriff der „Allmenden“ lag eine besondere Eigentumstheorie zugrunde: Das Land selbst kann nicht Privateigentum sein, nur seine Früchte. In moderne Terminologie lässt sich das so übersetzen: Menschen können sich Ökosystemdienstleistungen privat aneignen (etwa in der Landwirtschaft), aber nicht die Erde und ihre Biosphäre als solche.
Den mittelalterlichen Begriff der „Allmenden“ lag eine besondere Eigentumstheorie zugrunde: Das Land selbst kann nicht Privateigentum sein, nur seine Früchte. In moderne Terminologie lässt sich das so übersetzen: Menschen können sich Ökosystemdienstleistungen privat aneignen (etwa in der Landwirtschaft), aber nicht die Erde und ihre Biosphäre als solche. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Dass Land eigentlich Gemeineigentum sein solle, ist nicht nur von Außenseitern der Wirtschaftswissenschaft vertreten worden. Seit einiger Zeit wird eine faszinierende Alternative diskutiert. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Die konventionelle Wirtschaftswissenschaft betrachtet die Umweltproblematik aus dem Blickwinkel der Theorie der Eigentumsrechte und gelangt zur Diagnose der „Tragödie der Allmende“: Gemeineigentum führt zur Überausbeutung. Mit dem Aufstieg des Kapitalismus setzte sich die Auffassung durch, dass Land Gegenstand exklusiver Eigentumsrechte sein müsse, die europäischen Allmenden wurden verdrängt.

Doch gibt es neuerdings Zweifel an dieser Auffassung. Den Allmenden lag eine besondere Eigentumstheorie zugrunde: Das Land selbst kann nicht Privateigentum sein, nur seine Früchte.

Wem gehört die Erde? In moderner Terminologie lässt sich die mittelalterliche Auffassung so übersetzen: Menschen können sich Ökosystemdienstleistungen privat aneignen (etwa in der Landwirtschaft), aber nicht die Erde und ihre Biosphäre als solche. Letzteres geschieht freilich im modernen Rechtsverständnis des absoluten Landeigentums, mit Einschränkungen durch staatliche Regulierungen etwa im Umweltrecht.

Was ist die Alternative? Dass Land eigentlich Gemeineigentum sein solle, ist nicht nur von Außenseitern der Wirtschaftswissenschaft vertreten worden; im kommunistischen China ist es Verfassungsrealität.

Die Wissenschaft diskutiert seit einiger Zeit eine faszinierende Alternative. Tiere kennen Territorialität: Ist das nicht auch eine Form des Eigentums, die wir lediglich nicht rechtlich anerkennen? Die Idee ist, lokale Ökosysteme (also beispielsweise eine Küstenregion) als Eigentümer des Territoriums anzuerkennen, und zwar vertreten durch den Menschen über geeignete Rechtspersonen wie Stiftungen.

Die Pointe: In den Außenbeziehungen treten diese Rechtspersonen als private Eigentümer auf, im Innenverhältnis handelt es sich um Allmenden, die alle Lebewesen des Territoriums einschließen. Menschen wären Pächter dieser Ökosysteme und nutzen sie im Rahmen genau definierter Verträge, erneut als private Nutzer.

Damit würden alle Formen der Beeinträchtigung ökologischer Systeme zivilrechtlich einklagbar. Der Staat hätte Aufsichtsrechte und -pflichten, ähnlich wie im Finanzsektor. In diesem Modell kann sich der Mensch die Erde nicht mehr aneignen: Sie gehört sich selbst.

Der Autor ist Volkswirt und Professor und Fellow am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt.

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