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In Kambodscha hat die Recherche einer lokalen Menschenrechtsorganisation schwere Menschenrechtsverletzungen im Mikrofinanzsektor dokumentiert.

Gastwirtschaft

Von wegen Inklusion

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Mikrokredite sind schon lange kein soziales Projekt mehr. Menschenrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung.

Was als kleines soziales Projekt in Bangladesch begann, ist mittlerweile ein etwa 100 Milliarden US-Dollar schwerer globaler Finanzmarkt. Mikrokredit-Institute haben sich professionalisiert und internationalisiert. Sie wurden von internationalen Investoren aufgekauft und expandieren rasant. Bis heute haben sich weltweit circa 200 Millionen Menschen über Mikrokredite verschuldet. Im Jargon der Finanzwelt wird auch von „finanzieller Inklusion“ gesprochen.

Ein zentrales Kriterium von Inklusion ist jedoch, dass sie nicht konditionell ist. Es ist eine Leistung der Gesellschaft für ausgegrenzte Gruppen. Bei finanzieller „Inklusion“ ist das anders. Du must finanziellen Risiken eingehen und ordentlich Zinsen zahlen, um „teilhaben“ zu können.

Roman Herre ist Agrarexperte des Food First Informations- und Aktions-Netzwerks (Fian).

Ohne umfangreiche Unterstützung durch die Entwicklungshilfe und spezialisierte NGOs wäre der Mikrofinanzmarkt kaum so rasant gewachsen. Ein Beispiel ist der Investmentfonds Microfinance Enhancement Facility (MEF) aus Luxemburg, der überwiegend von öffentlichen Instituten wie der KFW Entwicklungsbank und dem deutschen Entwicklungsministerium finanziert ist. Das Fondsvolumen stieg in neun Jahren von 50 auf 600 Millionen US-Dollar rasant an. Die 600 Millionen werden gerne als Investition der Entwicklungshilfe präsentiert. Sie wurden jedoch zu einem erheblichen Teil von den Armen selbst gezahlt: Seit 2010 haben sie 280 Millionen US-Dollar an Zinsen an den Fonds gezahlt. Etwa nochmal soviel mussten sie Mikrofinanzanbietern vor Ort zahlen.

In Kambodscha hat nun die Recherche einer lokalen Menschenrechtsorganisation massive strukturelle Probleme sowie schwere Menschenrechtsverletzungen im Mikrofinanzsektor dokumentiert. Unglaubliche 28 Prozent der Schuldner*innen sind heute insolvent: Sie geben mehr Geld für die Rückzahlung von Mikrokrediten aus als sie Einnahmen haben. Um Kreditraten zurückzuzahlen reduzieren Schuldner*innen oft die Menge und Qualität ihres Essens, nehmen Kinder von der Schule oder fallen in Schuldknechtschaft.

Zentrales Problem ist der systematische Landverlust durch Mikrokredite. Verkauft als „Mikrofinanz-Innovation“ werden Landtitel heute als Kreditsicherheit genommen. Fehlt das Geld für die nächste Rate, droht der Landverlust – gleichbedeutend mit dem Verlust der gesamten Ernährungs- und Existenzgrundlage. Eine wahrhaft exklusive Inklusion!

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