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Wagt Konflikte!

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Von: Stephanie Borgert

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Man muss nicht in den Ring steigen, aber konstruktives (!) Streiten tut trotzdem not.
Man muss nicht in den Ring steigen, aber konstruktives (!) Streiten tut trotzdem not. © Jono Searle/dpa

Warum das fortlaufende Einfordern eines wertschätzenden Miteinanders zum Boomerang werden kann.

VW hat sie, die Deutsche Bahn ebenfalls und Aldi natürlich auch. Die Rede ist von Leitlinien. In denen findet sich immer auch eine Passage über das Miteinander. Und in dem Punkt scheinen alle einig: Wertschätzend soll es sein. „Unsere Zusammenarbeit ist von Wertschätzung geprägt. Wir sorgen für ein positives Arbeitsklima.“ Die Slogans sind deutlich sichtbar in den Fluren aufgehängt und die Personalverantwortlichen eröffnen jeden Workshop mit der Vereinbarung, „hier wertschätzend miteinander umzugehen“.

Eigentlich doch eine Selbstverständlichkeit, möchte man meinen. Richtig – und aus genau diesem Grund verfehlt die ewige Forderung nach Wertschätzung das eigentlich Ziel und hat weitreichende Wirkung.

Weil selten die Bedeutung des Begriffes geklärt ist und Zusätze wie partnerschaftlich, kollegial, positives Klima angehängt sind, ist mittelfristig viel Vorsicht bei den Menschen zu beobachten. Aufpassen, was man sagt. Feedback in antrainierten Sandwich-Häppchen verteilen und Konflikte unter dem berühmten Teppich belassen.

Weil alles zur persönlichen Sache wird, wenn Wertschätzung zum Gebot erhoben wird. Die Sachebene kann nicht mehr entsprechend adressiert werden, jede Bemerkung wird persönlich genommen und, im schlimmsten Fall, als Angriff gewertet. Da wir niemanden verletzen wollen und selber erst recht unversehrt bleiben möchten, wird irgendwann nur noch um den heißen Brei geredet.

Tacheles? Fehlanzeige. Konstruktives Streiten? Auf gar keinen Fall. Strittige Meinungen bis zur gemeinsamen Entscheidung aushandeln? Lieber nicht.

Da ja aber in jedem Unternehmen Dinge entschieden, ausgearbeitet, verschickt oder erfunden werden, läuft eben alles Strittige im Hintergrund. Auf der Vorderbühne findet ein Kompromiss nach dem anderen statt. Im Hintergrund werden einfach Fakten geschaffen und wer kann, nutzt seine oder ihre informelle Macht, um die Dinge so zu lenken, wie es genehm ist.

Das ist in höchstem Maß dysfunktional und sollte dringend geändert werden. Gerade dort, wo immer mehr Eigenverantwortung verlangt und gepriesen wird, braucht es wieder gute Auseinandersetzung, klare sachliche Worte und ausgetragene Konflikte. Die gute Kinderstube als Basis reicht dafür völlig aus.

Die Autorin ist Management- beraterin. Zuletzt erschien von ihr das Buch „Erfolg ist ein Mannschaftssport“.

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