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Vor ihrer Zeit

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Das Werk wurde zum „erfolgreichsten und einflussreichsten Umwelt-Buch nach der biblischen Schöpfungsgeschichte“.
Das Werk wurde zum „erfolgreichsten und einflussreichsten Umwelt-Buch nach der biblischen Schöpfungsgeschichte“. © Sebastian Kahnert/dpa

„Die Grenzen des Wachstums“ feiert 50. Geburtstag. Es zeigt sich: Die Studie ist besser als ihr Ruf. Die Kolumne „Gastwirtschaft“ von Norbert Nicoll.

Vor 50 Jahren schlug eine Studie wie eine Bombe ein. Im März 1972 legte ein Team des Massachusetts Institute of Technology (MIT) die Untersuchung „The Limits to Growth“ vor. Die deutsche Fassung „Die Grenzen des Wachstums“ erschien im Mai 1972. Der Titel wurde, wie der „Der Spiegel“ bemerkte, zum „erfolgreichsten und einflussreichsten Umwelt-Buch nach der biblischen Schöpfungsgeschichte“.

Herzstück der Studie ist ein Computermodell („World3-Modell“). Dieses bildet die Wechselwirkungen zwischen fünf Größen ab: Bevölkerung, Industrialisierung, Unterernährung, Ausbeutung von Rohstoffen sowie Umweltzerstörung. Computer galten damals als hochmodern – klotzige Instrumente zweifellos, aber mit der Aura der Unfehlbarkeit.

Die „Grenzen des Wachstums“ modelliert zwölf Szenarien, die einen Zeitraum von 1900 bis 2100 abdecken. Das Basis-Szenario sieht einen Kollaps um das Jahr 2040 vor, der durch exponentielles Wachstum verursacht wird. Das Autorenteam unter der Leitung von Dennis Meadows betonte 1972, dass diese Entwicklung nicht zwangsläufig sei. Ein Wandel sei möglich, ein baldiges Umsteuern jedoch erforderlich.

Die „Grenzen des Wachstums“ wurde zu einem zentralen Bezugspunkt der Ökologiebewegung. Unzählige Umwelt-NGOs gründeten sich. Überall in Europa bildeten sich grüne Parteien, die die politischen Landschaften aufmischten und stark polarisierten.

Für Polarisierung sorgte die Studie auch selbst. Von Anfang an war sie hochumstritten. Das Werk sei alarmistisch, blind für Preise und unterschätze Innovationen, lautete die weitverbreitete Kritik.

50 Jahre später steht dennoch fest: Die Studie ist besser als ihr Ruf. Jüngere Forschungsarbeiten aus Australien und aus den USA bescheinigen dem MIT-Team gemessen an der damals mäßigen Datenlage gute Arbeit. Obwohl nicht perfekt, schlage sich das Basis-Szenario beim Datenabgleich respektabel, so der Tenor. Die Kollaps-Gefahr sei real. Mehr denn je sei Eile in Verzug, um unsere Wirtschaft nachhaltig umzubauen. Kleine kosmetische Korrekturen reichten nicht. Unfreiwillig fühlt man sich an das Bonmot von Erich Kästner (1899–1974) erinnert. Er meinte einst: „Es geht auf keinen Fall so weiter, wenn es so weitergeht.“ Recht hatte der Mann.

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