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Verraten und verkauft

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Von: Rainer Voss

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Was, wenn etwa ein Wechsel der Mobilfunkgesellschaft nicht besseren Service bedeutet, sondern nur die Wahl, von Callcenter A oder Callcenter B angepampt zu werden?
Was, wenn etwa ein Wechsel der Mobilfunkgesellschaft nicht besseren Service bedeutet, sondern nur die Wahl, von Callcenter A oder Callcenter B angepampt zu werden? © Patrick Pleul/dpa

Wenn der Kapitalismus nicht mehr funktioniert. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Marktwirtschaft ist eine feine Sache: Preise signalisieren uns, wo wir am günstigsten Ressourcen in der von uns gewünschten Qualität erwerben können. Wird die versprochene Qualität nicht eingehalten, wechselt man zu einem anderen Anbieter und der ursprüngliche scheidet gerecht durch Insolvenz aus dem Markt aus. Soweit die Theorie !

Im Blog „Realitätsabzweig“ von Frank Rieger fand sich neulich ein Gedanke, der besser auf die Alltagswirklichkeit passt, als das oben beschriebene neo-klassische Wolkenkuckucksheim.

Was wäre, wenn der Kern des Kapitalismus – nämlich die Verteilung von Gütern und Dienstleistungen – nicht mehr seine Funktion erfüllte; wenn uns der Kapitalismus verraten hätte? Anders ausgedrückt, wenn etwa ein Wechsel der Mobilfunkgesellschaft nicht besseren Service bedeutet, sondern nur die Wahl, von Callcenter A oder Callcenter B angepampt zu werden.

Garantieansprüche werden mit fadenscheinigen Begründungen abgewehrt, im Supermarkt enthalten identische Packungen plötzlich weniger Ware, Versicherungen verweigern prinzipiell zunächst mal die Auszahlung („sollen sie doch klagen!“), Rabatte sind keine Rabatte, die Liste könnte unendlich fortgeführt werden.

Hinter dieser Entwicklung steht das ständige Streben nach Kostensenkungen, die allerdings in der reinen Lehre durch verbesserte Effizienz unterfüttert sein sollten, wenn die Qualität nicht leiden soll. Das ist aber egal, wenn alle in einem Marktsegment in dieselbe Richtung gehen, denn dann funktioniert der Sanktionsmechanismus des Marktes durch Anbieterwechsel nicht mehr. Damit geht in der Breite die Qualität verloren, das Vertrauen des Verbrauchers schwindet und auch er schaltet in den „Schnäppchenjäger“-Modus.

Wer sind die Leidtragenden? Es sind jene Unternehmen, die sich gegen den Strom stellen, realistische Preise kalkulieren und riskieren, damit zum Opfer der oben beschriebenen Entwicklung zu werden. Es obliegt der Zivilgesellschaft, diesen Firmen durch positives Feedback und Mund-zu-Mund-Propaganda den Rücken zu stärken.

Man darf jedoch skeptisch sein, ob dies in einer Zeit gelingt, in der die disziplinierenden Risiken der Marktwirtschaft – die Gefahr des Scheiterns – zumindest für die großen Marktteilnehmer („too big too fail“) an die Gesellschaft externalisiert worden sind.

Der Autor ist ehemaliger Investmentbanker und Protagonist des Dokumentarfilmes „Master of the Universe“.

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