1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Gastwirtschaft

Überholte ökonomische Doktrin

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Beate Bockting

Kommentare

Um das Langfristziel der EZB von zwei Prozent wieder zu erreichen, müsste sie nach den historisch niedrigen Raten der vergangenen Jahre über sieben Jahre mit durchschnittlich 3,3 Prozent steigen.
Um das Langfristziel der EZB von zwei Prozent wieder zu erreichen, müsste sie nach den historisch niedrigen Raten der vergangenen Jahre über sieben Jahre mit durchschnittlich 3,3 Prozent steigen. © Frank Rumpenhorst/dpa

Der Versuch der EZB, mit Zinsanhebungen ihr eigentliches Inflationsziel von zwei Prozent auf mittlere Sicht wieder erreichen zu wollen, ist der falsche Weg. Es belastet vor allem auch Unternehmen. Die Kolumne „Gastwirtschaft“. 

Die Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank (EZB) vergangene Woche war ein Stück aus der Klamottenkiste überholter ökonomischer Doktrinen. Auf die äußerst trüben Schilderungen der wirtschaftlichen Lage, die steigende Inflation und die großen Risiken für die weitere Entwicklung wusste der EZB-Rat keine bessere Antwort als eine Zinserhöhung, die mit 50 Basispunkten höher als erwartet ausfiel. Weitere „Leitzinsnormalisierungen“ sollen folgen.

Zwar steht die EZB unter Druck, da die US-Notenbank mit dieser Dinosaurier-Strategie schon vorangegangen ist und die Zinsen in diesem Jahr bereits zum vierten Mal erhöht hat. Und der fallende Eurokurs bereitet Sorge. Aber der Versuch der EZB, mit den Zinsanhebungen ihr eigentliches Inflationsziel von zwei Prozent auf mittlere Sicht wieder erreichen zu wollen, ist der falsche Weg.

Falsch, weil die wirtschaftliche Situation günstige Finanzierungsbedingungen erfordert. Die Finanzierungskosten der Banken hatten sich bereits erhöht und werden sich durch die Leitzinsanhebungen weiter erhöhen. Die Anleihe- und Kreditzinsen für Staaten, Unternehmen und Private haben angezogen. Die Banken verschärfen ihre Kriterien der Kreditvergabe an Unternehmen und private Haushalte. Mit den höheren Kreditzinsen wird daher in den kommenden Monaten ein Rückgang des Kreditangebots einhergehen.

Unternehmen, die mit den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und gestiegenen Energie- und Materialkosten zu kämpfen haben, werden zusätzlich belastet. Für Bauherren wird nicht nur das Baumaterial teurer, sondern auch seine Finanzierung. Bauruinen und überschuldete Familien werden die Folge sein.

Die EZB hätte in den vergangenen Jahren mutig eine effektive Negativzinspolitik einleiten können, indem sie auch das Bargeld mit einer Gebühr belegt hätte. Stattdessen hat sie es zugelassen, dass sich die umlaufende Bargeldmenge seit 2002 auf über 1,5 Billionen Euro mehr als versechsfacht hat.

Mit einer effektiven Negativzinspolitik wären zudem die Anleihekäufe weitgehend überflüssig gewesen, mit denen ebenfalls die Geldmengen aufgebläht wurden. Gerade erst begannen die Negativzinsen, sich in der Breite auf die überbordende Liquidität bei den Banken auszuwirken – da verabschiedet sich die EZB von der Negativzinspolitik. Ein Fehler, den sie baldmöglichst korrigieren sollte.

Die Autorin ist stellvertretende Vorsitzende der Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung.

Auch interessant

Kommentare