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Die Spanische Grippe forderte zu Beginn des 20. Jahrhunderts Millionen Todesopfer.

Epidemien

Über die Angst vor Infekten der Zukunft

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Viele Seuchen konnten ausgerottet oder reduziert werden. Trotzdem bleibt die Furcht.

Wie die Grippe in die Welt kam, bleibt ungenau. Von Wasservögeln wohl auf Säuger übertragen, gelangten die Erreger zum Menschen. Schon in der Antike bekannt, finden sich erstmals zur Frühneuzeit Beschreibungen unerklärlicher Ausbrüche. 1580 wird die „newe Krankheit“ als Epidemie berichtet. Ungeeignete Maßnahmen, vor allem der Aderlass, entkräfteten die Infizierten noch mehr. Im 20. Jahrhundert fielen Millionen der Spanischen Grippe zum Opfer. Es folgten größere asiatische Seuchen.

Marcel Schütz.

So diffus das Virus in Erscheinung trat, so diffus die Namen: Blitzkatarrh, Lungensucht, Schafshusten. Der italienische Begriff Influenza offenbart frühe Nöte der Diagnostik: Denkt man heute an den Einfluss der Viren, wurde damit einst durch die Sterne verursachte Bildung der mysteriösen Krankheit vermutet. Die französische grippe fand schließlich ins Deutsche. Ähnlichkeiten in germanischen und slawischen Sprachen tragen offenbar tiefere Bedeutung: fassen, ergreifen, packen. Urplötzlich befällt das Virus seine Opfer.

Gastwirtschaft 

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Marcel Schütz, Research Fellow im Fach Betriebswirtschaft an der Northern Business School Hamburg. Daneben lehrt er Soziologie an der Universität Bielefeld.

Viele humane Seuchen konnten ausgerottet oder reduziert werden. Doch es gibt Rückschläge. Geblieben ist die Angst vor fatalen Infekten der Zukunft. Bereits gängige Grippewellen im Winter sind mit reger Diskussion über Prävention verbunden, wie auch ein Papier des Soziologen Luca Tratschin verdeutlicht: Scheinen Grippen auf den ersten Blick plausibel, zeigt sich wiederkehrende Unsicherheit. Die Verläufe sind vielgestaltig, ein Großteil der Infektionen bleibt unerkannt. Fehlt es an Symptomen, geht man nicht zum Arzt und weiß nichts von der Grippe – die nur „da“ ist, wenn sie beobachtet wird. Auch mutieren Erreger schnell und fortlaufend, was die Vorbereitung erschwert.

Zudem gehen Grippen mit aufwendigen logistischen und ökonomischen Hilfen einher. Es werden Auswertungen, Prognosen und Simulationen erstellt, die qualifizierter Deutung bedürfen. In internationalen Verfahren konzipiert man die Impfstoffe. Dem gehen Verhandlungen bei der WHO voraus. Hier kommt es zu Entscheiden, bei denen Argumente für und gegen eine bestimmte Lösung - die je nach Erdteil unterschiedlich gut wirken kann - zählen. Kurzum, die Bewältigung der Grippe ist kein so klarer Fall. Soziale Interpretation und Organisation tun ihr Übriges dazu.

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