Italien stand in der Pro-Kopf-Rechnung schnell weltweit an erster Stelle.
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Italien stand in der Pro-Kopf-Rechnung schnell weltweit an erster Stelle.

Corona

Trügerische Zahlen rund um das Coronavirus

  • Günther Moewes
    vonGünther Moewes
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Falsche Statistiken sorgen für Missverständnisse in der Coronakrise. 

Zu den Fakes über Corona gehören vor allem Statistiken. Ländervergleiche mit absoluten Zahlen sind wegen der extrem unterschiedlichen Einwohnerzahlen unsinnig. Sinnvoll sind meist nur Rechnungen pro Kopf, beziehungsweise pro 100.000 Einwohner. Noch besser pro Kopf und Region. Darauf ist an dieser Stelle schon mehrfach hingewiesen worden, vor allem im Zusammenhang mit irreführenden Ländervergleichen bei Wachstumszahlen.

In der Pro-Kopf-Rechnung standen Länder wie Südkorea, Iran und Italien mit ihren Einwohnerzahlen zwischen 52 und 83 Millionen bei Infektionen und Mortalität schon früh weit vor dem 20 bis 32 mal so großen China. Mitte März, als China im Pro-Kopf-Vergleich an 18. Stelle stand, geisterten durch die Medien immer noch Weltkarten, in denen lauter millimetergroße Punkte einem 2 cm großen Kreis für China gegenüberstanden.

Günther Moewes

Italien stand in der Pro-Kopf-Rechnung hingegen schnell weltweit an erster Stelle. Seine Zahlen waren sogar mehr als doppelt so hoch, wie die des an zweiter Stelle stehenden Iran.

Das löste den nächsten Fake aus: Ursache sei die gleiche Disziplinlosigkeit, die zu Überschuldung und häufigen Regierungswechseln führe. Die übliche Stammtisch-Folklore. Die tatsächliche Ursache ist aber eine besondere Eigenschaft des neuen Virus: Es ist bereits bis zu zwei Wochen infektiös, bevor überhaupt Symptome auftreten. Dann ist es für die Analyse von Infektionsketten meist zu spät.

Der ärgerlichste Fake: Die Regierungsmaßnahmen seien sinnlos übertrieben. Die Mortalitätsrate ginge bei Menschen bis 60 gegen Null. Lediglich Ältere mit Vorerkrankungen seien betroffen. Sind etwa geschätzte 10 Millionen alter Menschen mit Vorerkrankungen „lebensunwertes Leben“? Sind wir wieder so weit? Und hat man etwa bei der Grippewelle 2017/18 genau so gedacht? Damals starben in Deutschland 25 100 Menschen. Junge und alte.

Erstmals an dieser Stelle muss die Regierung in Schutz genommen werden. Zwar wären viele Maßnahmen wirksamer gewesen, hätte man sie früher und bundeseinheitlich erlassen. Aber da wären sie der Bevölkerung und den Fehlinformanten noch weniger vermittelbar gewesen.

Der Autor ist emeritierter Professor für Industrialisierung und Verteilungs- und Wachstumskritiker.

Das Coronavirus und die Statistik: Was Corona-Zahlen sagen – und was nicht. Ein Interview mit dem Psychologen und Risiko-Experten Gerd Gigerenzer.

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