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Rechtsextreme bei der Polizei? Laut Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) alles nur Einzelfälle.
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Rechtsextreme bei der Polizei? Laut Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) alles nur Einzelfälle.

Gastwirtschaft

Eine Frage der Struktur

  • Stephanie Borgert
    vonStephanie Borgert
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Über Rechtsextremismus in der Polizei muss offen diskutiert werden. Die Gastwirtschaft.

Chatgruppen mit rechtsextremistischem Inhalt, Nazi-Devotionalien im Garten eines Polizisten oder Kegeln vor einem Hakenkreuz-Gemälde. Die Liste der „Verfehlungen“ bei der Polizei wächst. Doch laut Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) handelt es sich dabei nur um Einzelfälle. 99 Prozent der Mitarbeitenden, konstatiert er, stehen „fest auf dem Boden des Grundgesetzes“. Wir haben, so seine Schlussfolgerung, kein strukturelles Problem mit Rechtsextremismus in den deutschen Sicherheitsbehörden. Was zu bezweifeln ist, denn kehren Phänomene, Symptome und Probleme immer wieder, sind sie strukturell bedingt.

Es ist genau die Struktur, die bestimmt, wie ein soziales System „tickt“. Sie enthält die impliziten und expliziten Verabredungen darüber, was in einer Organisation, in diesem Fall bei der Polizei, geht, wie man sich untereinander verhält, was tolerierbar ist und welche Tabus bestehen. Dazu gehört eben auch, ob rechtsextremes Verhalten geduldet oder zumindest nicht angezeigt wird. Der Code-of-Silence ist ein Teil der Polizeistruktur und sorgt dafür, dass „man Kollegen nicht verrät“. Nun fordert Minister Seehofer alle Polizistinnen und Polizisten auf, zukünftig genau das zu tun. Das ist eine unfaire Erwartung, die nicht zu erfüllen ist, ohne sich gegen die gültige Struktur zu stellen und damit, im schlimmsten Fall, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der hier übersehen wird, ist die Vergangenheitsorientierung sozialer Systeme. Um die Dynamiken innerhalb der Polizei zu verstehen, braucht es auch einen Blick zurück. Wurde sie doch einst fast vollständig für die Durch- und Umsetzung des Holocaust eingesetzt. Viele ehemalige SS-Offiziere fanden später wieder einen Platz im Polizeidienst und machten dort Karriere. Das Gedankengut der Nazis war nicht auf einmal weg und durch andere Überzeugungen ersetzt. Es gab keinen „Struktur-Reset“, der die Polizei schlagartig gereinigt hätte. Systeme sind konservativ, sie bleiben gerne, wie sie sind.

Sollen Missstände in Organisationen wirklich ernsthaft angepackt werden, muss die Struktur in den Fokus genommen werden. Und dann braucht es offenen, ehrlichen Diskurs und neue Verabredungen über das gemeinsame „Ticken“. Ein gutes Verständnis davon, was Struktur bedeutet, ist also notwendig.

Stephanie Borgert ist Managementberaterin. Zuletzt erschien von ihr das Buch „Die kranke Organisation“.

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