Gastwirtschaft

Mit Mut statt Wut

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Wer die Welt verändern will, sollte bei sich selbst anfangen.

Frankreichs Gelbwesten sind heute das, was bei uns schon 2010 zum Wort des Jahres wurde: Wutbürger. Man erkennt sie am lauten Beschweren und Machtgefühl in der Menge. Wut x Masse = Mut, könnte die Formel lauten. Doch ist dieses gegenseitige Aufputschen mutig? Gehört Mut nicht zuerst in ganz andere Lebensbereiche?

Was ist für Sie mutig? Fallschirmspringen? Dem Chef die Stirn zu bieten? Alles aufzugeben, um mit dem Rucksack auszusteigen? Mut ist so individuell, wie die Ängste, die er überwindet. Doch der größte Mut ist der, sich selbst zu erkennen, auszuhalten und seiner Wahrheit zu folgen. Schritt für Schritt. Das ist eine Lebensaufgabe.

Dieser Mut zur Selbsterkenntnis braucht enorm viel Charakter. Denn sie verlangt oft, sein Leben unter emotionaler Anstrengung zu ändern. Schwierig – denn die Masse zerrt an uns, was sozial erwünscht, was richtig und falsch ist. Schlimmstenfalls folgen wir unserer primären Gruppe bis zur Sucht und zur Selbstverleugnung, um beliebt und anerkannt zu sein. Nur so sind Dieselskandale oder sexueller Missbrauch in Organisationen überhaupt möglich.

Wahrer Mut ist also etwas sehr Eigenes. Er lässt uns weder mit noch gegen den Strom schwimmen, sondern immer stimmiger werden. Sich im Spiegel zu fragen, ob man wirklich so ist und so sein will, um dann seine alten Programmierungen abzuwerfen, ist mutiger als jeder Fallschirmsprung. Wer sich so entwickelt, denkt und handelt frei. Eckt an. Hält auch anderen den Spiegel vor und nimmt für seine Überzeugung in Kauf, dass sich sogar liebgewonnene Menschen abwenden können.

Wer die Welt mit einer Idee verändern will, sollte bei sich beginnen und dazu stehen. So kann er aus eigener Kraft gegen Missstände kämpfen. Er kann sich für ein Ziel mit einer Gruppe solidarisieren, missbraucht sie aber nicht zur Selbstbestätigung.

Wie leicht könnten wir jetzt über die Wutbürger herziehen und ihnen Grenzen vorhalten, die uns selbst beschränken. Sind wir nicht alle eine Art „Ein-Mann/eine-Frau-Demo“ für unsere ureigenen Interessen? Stattdessen gieren wir nach Klicks und Likes und jagen nach Anerkennung, statt reflektiert, authentisch und mutig bei uns zu bleiben. Erst mit diesem Mut können wir Mutbürger statt Wutbürger werden. Und davon brauchen wir jeden Einzelnen. Auch Sie.

Der Autor ist Führungskräfteentwickler mit eigener Akademie, Vortragsredner und Autor.

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