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Ist der Ölstand zu niedrig, droht der Kolbenfresser - das gilt auch fürs Finanzsystem.

Schulden

Staatsanleihen als „Schmiermittel“: Warum Schuldenabbau kontraproduktiv sein kann

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Schuldenabbau ist gut? Warum zu geringe Staatsschulden zu einem Problem für das weltweite Finanzsystem werden können. Die Wirtschaftskolumne.

Deutschland kann sich gratulieren: Als erstes Land nach der Finanzkrise hält es die im Maastricht-Vertrag festgelegte Quote „Verschuldung zu Bruttosozialprodukt“ von 60 Prozent wieder ein. Aber kann es sein, dass zu wenig Schulden genauso ein Problem sind wie zu viele Schulden? Es soll hier nicht um das Anschieben der Nachfrage durch den Staat gehen, sondern um die Bedeutung von Staatsanleihen für das Funktionieren unseres Finanzsystems.

Während früher Banken untereinander Geld gegen „Vertrauen“ liehen, ist aus diesem Geschäft im wahrsten Sinne des Wortes eine Pfandleihe geworden. Man schließt Verträge, die auf Heller und Pfennig festlegen, wie offene Positionen, also Schulden, zu besichern sind. Als Sicherheit dienen in der Regel Anleihen höchster Bonität, da man davon ausgeht, dass diese Kredite nie ausfallen können.

Gastwirtschaft

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Rainer, Voss, ehemaliger Investmentbanker.

Nun ist leicht einzusehen, dass dem Rückgang der Staatsverschuldung ein Rückgang des Bestandes an Wertpapieren folgen muss. Wenn also erstklassige Staatsanleihen das „Schmiermittel“ sind und wir die Analogie zu einem Motor herstellen, droht dem Finanzsystem bei zu niedrigem Ölstand der Kolbenfresser.

Eine englische Versicherung berechnete, dass Mitte der 2030er Jahre keine deutschen Staatsanleihen mehr im Umlauf sein könnten. Schon jetzt haben europaweite Rating-Abstufungen und die allgegenwärtige Sparpolitik dazu geführt, dass das Volumen von Anleihen höchster Bonität in Europa nur noch zehn Prozent der Wirtschaftsleistung entspricht, während es in den USA 70 Prozent sind. Auch wenn es nur um technische Aspekte geht, müssen die Akteure rechtzeitig darauf reagieren, um Friktionen bei der Zahlungsabwicklung zu vermeiden.

Rainer Voss.

Interessant ist auch ein geopolitischer Aspekt: Vor dem Hintergrund drohender Handels- und Währungskriege mehren sich Forderungen, die Dollar-Hegemonie zu brechen und andere Währungen für die Abrechnung internationaler Warenströme einzusetzen. Doch selbst wenn der Euro als Zahlungsmittel dafür prädestiniert wäre, steht dem die Technik entgegen. Eine umfangreichere Nutzung würde die Zahlungsvorgänge vervielfachen und das Problem des fehlenden „Pfandguts“ verschärfen. Die einzige Möglichkeit wäre eine europäische „Safe Assets“, eine Art Super-Anleihe, die allerdings eine gemeinsame Haftung aller Staaten des Euroraums voraussetzt. Unter der gegenwärtigen Regierung stehen die Chancen für die Umsetzung jedoch bei Null.

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