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Spekulative Preise

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Von: Roman Herre

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Entgegen der beteuerten Ausgleichsfunktion pufferten die internationalen Märkte den Schock des Angriffs auf die Ukraine nicht ab. Die Märkte verstärkten ihn, weil Finanzinvestoren schlagartig auf steigende Weizenpreise setzten.
Entgegen der beteuerten Ausgleichsfunktion pufferten die internationalen Märkte den Schock des Angriffs auf die Ukraine nicht ab. Die Märkte verstärkten ihn, weil Finanzinvestoren schlagartig auf steigende Weizenpreise setzten. © Julian Stratenschulte/dpa

Die Nahrungsmittelpreise steigen. Das Recht auf Nahrung wird dabei nicht ausreichend geschützt. Die Kolumne Gastwirtschaft.

Direkt nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine schossen die Preise für Nahrungsmittel durch die Decke. Die Weizenpreise an der wichtigsten Weizenbörse der Welt in Chicago stiegen in wenigen Tagen um 63 Prozent. Hinterfragt wurde diese Preisentwicklung kaum angesichts der Meldungen um den „Angriff auf die Kornkammer der Welt“. Dabei sind Weizen oder Sonnenblumenöl nicht von heute auf morgen von den Weltmärkten verschwunden und auch die globalen Speicher waren gut gefüllt.

Der UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung, Michael Fakhri, brachte diese Preisentwicklung auf den Punkt: Entgegen der beteuerten Ausgleichsfunktion pufferten die internationalen Märkte den Schock des Angriffs auf die Ukraine nicht ab. Die Märkte verstärkten ihn, weil Finanzinvestoren schlagartig auf steigende Weizenpreise setzten und über sogenannte Termingeschäfte, Agrar- und Indexfonds Milliardenbeträge in Weizen investierten.

Der Krieg in der Ukraine hält an und trotzdem sind die Weizenpreise heute niedriger als vor dem Krieg. Weltmarktpreise werden heute weniger von Angebot und Nachfrage, Erntemengen, Verbrauch und Speicherstand bestimmt, da Finanzinvestoren die Weizenbörsen der Welt dominieren. Sie halten beispielsweise aus spekulativen Gründen 70-80 Prozent der Weizenverträge in Chicago.

Diese Spekulation führt zu millionenfachen Verletzungen des Rechts auf Nahrung. Steigen die Preise derart wie in den Tagen nach Kriegsbeginn, können sich arme Menschen ihre Ernährung nicht mehr leisten. Völkerrechtlich sind Staaten verpflichtet, dem aktiv entgegenzuwirken – also solche spekulativen Preissprünge durch Recht und Gesetz zu unterbinden.

In den USA wurden die wenigen Regeln unter der Trump-Administration aufgeweicht. In Europa wurden Regulierungsmöglichkeiten geschaffen. Allerdings liegt die Betonung auf „Möglichkeiten“. So könnten sogenannte „Positionslimits“ gesetzt werden, um zu verhindern, dass einzelne Finanzinvestoren Märkte und Güter dominieren. Expert:innen bezweifeln jedoch, dass im Zuge der Preisexplosion die europäischen Behörden diese Möglichkeiten genutzt haben.

Ohnehin geht es auf den Weltagrarmärkten schon lange nicht mehr darum, die Hungernden zu ernähren. Der Politik geht es vor allem darum, nervöse und spekulative Finanzinvestoren zu beruhigen – anstatt sie zu regulieren.

Der Autor ist Experte für Landwirtschaft, Landkonflikte und Agrarhandel bei der Menschenrechtsorganisation Fian.

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