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Manche Ärzte lassen sie sich nicht gerne in die Karten schauen.

Gesundheitskompetenz

Manchen Ärzten kommt das Unwissen der Patienten ganz gelegen

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Ein Vertreter der Ärzteschaft fordert, mehr für die Gesundheitskompetenz von Patienten zu tun. Doch gerade Ärzte sind nicht unbeteiligt daran, dass viele Patienten nicht genug über ihre Gesundheit wissen.

Bei manchen Meldungen weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. So wie bei der Forderung des stellvertretenden Vorsitzenden des erzkonservativen Hartmannbunds in Westfalen-Lippe, Dr. Hans-Peter Peters, Defizite in der Gesundheitskompetenz der Bürger durch innovative und geeignete Maßnahmen zu überwinden und dabei die ärztliche Sachkompetenz heranzuziehen. „Gesundheitskompetenz spielt in einem solidarisch finanzierten Gesundheitssystem eine bedeutende Rolle“, erklärte er, „ihre langfristige Verbesserung ist ausschlaggebend für unsere zukünftige Versorgung.“

Grundsätzlich ist nichts gegen Gesundheitskompetenz einzuwenden, das aktuelle Steckenpferd der neuen Generation von Gesundheitswissenschaftlern. Gesünderes Verhalten des Einzelnen und vor allem die Vorbereitung potenzieller und realer Patienten auf die Hürden und Unbillen des Krankenversorgungssystems können nicht schaden. Reichlich schräg klingt die Forderung allerdings aus dem Munde eines Vertreters der Ärzteschaft. Diese ist nämlich alles andere als unbeteiligt daran, dass der Bedarf an hinreichend versierten, um nicht zu sagen geschulten Patienten gewachsen ist, die nicht im undurchdringlichen Dschungel eines lausig koordinierten Versorgungssystems verloren gehen.

Gastwirtschaft: Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Jens Holst, Facharzt für Innere Medizin, gesundheitspolitischer Berater und Professor an der Hochschule Fulda.

Dieses Risiko ist hierzulande aufgrund der Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, des wachsenden Wettbewerbs zwischen Krankenhäusern und des ungeregelten Nebeneinanders von Haus- und Fachärzten ohnehin hoch. Das deutsche Gesundheitswesen schneidet bei der Bewertung der Versorgungsabläufe bei chronisch Kranken regelmäßig schlechter als andere Industrieländer ab. Informationen fließen nicht, weil Hausärzte ihre Lotsenfunktion nicht wahrnehmen. Manche Ärzte verstehen Datenschutz eher als Schutz der Patienten vor ihren Daten denn als Schutz ihrer Patienten. Vor allem lassen sie sich nicht gerne in die Karten schauen – ein Grund für die Ablehnung der Gesundheitskarte. 

Gesundheitskompetenz wird für Patienten immer unverzichtbarer, um dem System das abzuverlangen, wofür es eigentlich da ist. Allerdings muss diese Kompetenz sehr ausgeprägt sein, um wirksam zu sein: Hinreichend gewappnet ist letztlich nur, wer einen Arzt in der Familie hat. Chancengleichheit sieht anders aus.

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