Dem Film-Mogul Harvey Weinstein wird derzeit der Prozess gemacht. Er steht in New York wegen zahlreicher  sexueller Übergriffe vor Gericht. 
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Dem Film-Produzenten Harvey Weinstein wird derzeit der Prozess gemacht. Er steht in New York wegen zahlreicher  sexueller Übergriffe vor Gericht. 

Sozioökonomische Forschung

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz: Warum wir darüber so wenig wissen

  • vonSigne Moe
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Weil die Wirtschaftsforschung männlich dominiert ist, fehlt auch das Interesse an Untersuchungen zu den sozioökonomischen Folgen von Übergriffen im Job.

Am 6. Januar erschien Harvey Weinstein zum ersten Mal vor Gericht. Der Prozess gegen den Mann, der vor Oktober 2017 zu den mächtigsten Produzenten Hollywoods gehörte, wird in der kommenden Zeit immer wieder die Schlagzeilen prägen. Wegen sexueller Übergriffe auf zahlreiche Frauen, häufig im beruflichen Kontext, drohen ihm bis zu 25 Jahre Haft.

Weinsteins Prozess sendet ein wichtiges Signal: Niemand soll mit übergriffigem Verhalten, Gewalt und Machtmissbrauch davonkommen. Das gesamtgesellschaftliche Problem, welches die auf die Enthüllungen über Weinstein folgende internationale Me Too-Bewegung so deutlich aufzeigte, ist damit keineswegs gelöst. Vielmehr muss der Prozess als Impuls gesehen werden, das zugrunde liegende strukturelle Problem weiter zu beleuchten.

Signe Moe

Noch immer erleben Frauen täglich Belästigungen und Gewalt durch Kollegen und Vorgesetzte. Diese sexuellen Übergriffe wirken sich auf viele Bereiche des Lebens aus, auch auf die ökonomischen. Eine im Jahr 2017 veröffentlichte Studie zeigte, dass Frauen, die früh in ihrem Berufsleben sexuelle Belästigung erfuhren, viel eher den Job oder die Branche wechselten beziehungsweise ihre Arbeitszeit verringerten, als Frauen, die keine Belästigung erlebt hatten.

Neben diesen negativen Auswirkungen auf berufliche Perspektiven stellte die Studie fest, dass viele Betroffene bewusst ökonomische Einbußen und größere finanzielle Unsicherheit in Kauf nahmen, um weiterer Belästigung zu entkommen.

Gastwirtschaft: Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Signe Moe, Mitglied der Gruppe „Was ist Ökonomie?“

Diese Studie ist eine Ausnahme. Aktuelle Forschung zu den ökonomischen Dimensionen von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz ist rar. Denn die ökonomische Forschung ist männlich dominiert, und daher fehlen Interesse und Sensibilität bezüglich sexueller Belästigung. Das ist ein Teil des größeren Problems, und es erschwert die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Im Dezember 2019 kam heraus, dass Harvey Weinstein wahrscheinlich einen Vergleich über 25 Millionen Dollar mit 30 seiner Opfer erzielen wird. Aber um die sozioökonomischen Konsequenzen von sexueller Belästigung zu bekämpfen, helfen keine Hollywood-Millionen. Sexuelle Belästigung und Gewalt schränkt ein. Sie macht Türen zu und verändert Lebenswege. Dieser Schaden muss proaktiv verhindert werden.

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