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Schwarzseher im Aufwind

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Von: Carsten Brzeski

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Deutschland importiert bislang billig Energie und Halbprodukte und exportiert hochqualitative Industriegüter. Die nun notwendige Umstrukturierung der deutschen Wirtschaft wird Zeit und Geld kosten.
Deutschland importiert bislang billig Energie und Halbprodukte und exportiert hochqualitative Industriegüter. Die nun notwendige Umstrukturierung der deutschen Wirtschaft wird Zeit und Geld kosten. © Sina Schuldt/dpa

Der Strukturwandel der deutschen Wirtschaft wird schmerzhaft. Und er wird dauern. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Es ist ein oft erprobtes Erfolgsmodell für Volkswirte: bei Wirtschaftsprognosen lieber immer etwas zu pessimistisch sein. Schauergeschichten haben nun einfach mehr Dramatik und Spannung als romantische Komödien. Wenn es dann wirklich so schlimm kommt, kann sich niemand beschweren, dass man nicht gewarnt wurde. Ist die wirtschaftliche Entwicklung besser als vorhergesagt, erfreuen sich die Zuhörer einer blühenden Wirtschaft und man erinnert sich kaum noch an die Untergangsvorhersagen.

Mit diesem Wissen sollten die aktuellen Rezessions-Schlagzeilen kaum schlaflose Nächte bereiten. Eigentlich. Denn alles deutet darauf hin, dass wir einfach in einer Periode leben, in der Schwarzmaler Hochkonjunktur feiern. Und auch noch Recht bekommen. Denn vor allem für die deutsche Wirtschaft stehen im Augenblick alle Zeichen auf Sturm.

Die Zeitenwende für die deutsche Wirtschaft sollte so langsam bekannt sein. Das altbewährte gesamtwirtschaftliche Geschäftsmodell, mit dem Import billiger (russischer) Energie und Halbprodukte sowie dem Export hochqualitativer Industriegüter ist Geschichte. Die nötige komplette Umstrukturierung der deutschen Wirtschaft wird Zeit und Geld kosten. Die Erfahrungen der letzten drei Jahrzehnte mit Strukturwandel haben gezeigt, dass die erste Phase des Wandels immer von schwachem Wirtschaftswachstum und Wohlstandsverlust begleitet wird. Es dauert eine Weile, bis man die Früchte von Reformen ernten kann.

Das ist aber nicht alles. Die hohen Energie- und Rohstoffpreise werden zu einer immer größeren Belastung für Verbraucher und Unternehmen. Man braucht schon viel Fantasie, um zu denken, dass bei Menschen angesichts einer Verdoppelung oder Verdreifachung der Energierechnung das Geld noch locker sitzt. Aber auch die Unternehmen sind immer weniger in der Lage, gestiegene Produktionskosten an Verbraucher weiterzugeben. Was folgt sind Gewinneinbrüche und weniger Investitionen. Das Niedrigwasser in deutschen Flüssen macht den Rest. Neue Lieferengpässe, Produktionsprobleme und Inflationsdruck sind die Folge.

Ein Strukturwandel in dieser Zeit ist nicht wie eine OP am offenen Herzen, sondern wie eine OP am offenen Herzen in einem Krankenwagen, der mit 180 km/h rückwärts auf der Autobahn fährt. Wie gesagt, es ist Hochkonjunktur für Schwarzseher.

Der Autor ist Chefvolkswirt der Bank ING in Frankfurt.

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