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Schreckgespenst Lohn-Preis-Spirale

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Von: Dierk Hirschel

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Es gibt keinen Grund für lohnpolitische Bescheidenheit.

Das Leben wird teurer. Kassiererinnen, Krankenschwestern und Postboten müssen beim Einkaufen, Tanken und Heizen tiefer in die Tasche greifen. Die Preise klettern dieses Jahr um über sechs Prozent. Das ist die stärkste Teuerung seit 40 Jahren. Der größte Inflationstreiber sind rasant steigende Energiepreise. Die Strom-, Gas-, Öl- und Tankrechnungen fressen inzwischen ein ganzes Monatsgehalt auf.

Das beste Rezept gegen steigende Lebenshaltungskosten sind kräftige Lohn- und Gehaltszuwächse. Die Tariflöhne stiegen letztes Jahr aber nur um 1,7 Prozent – bei 3,1 Prozent Inflation. Folglich mussten die Beschäftigten einen Reallohnverlust von 1,4 Prozent hinnehmen. Die Lohnschwäche war dem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld der Pandemie geschuldet.

Die Gewerkschaften verhandeln 2022 Tarifverträge für knapp zehn Millionen Beschäftigte. Für Verdi, IG Metall & Co. spielt die Inflation bei der Höhe ihrer Forderung eine wichtige Rolle. Sie orientieren sich an der Entwicklung der Verbraucherpreise und der Produktivität. Ziel ist die Sicherung der Kaufkraft und eine angemessene Teilhabe der Beschäftigten an der Wirtschaftsleistung. Das Sozialprodukt wird dieses Jahr um voraussichtlich 1,5 bis drei Prozent zunehmen. Folglich wächst der gesamtwirtschaftliche Kuchen und somit auch die Verteilungsmasse. Zudem wollen die börsennotierten Unternehmen rund 70 Milliarden Euro an ihre Aktionäre ausschütten.

Trotz alledem warnen Arbeitgeber und wirtschaftsliberale Ökonomen vor einer drohenden Lohn-Preis-Spirale. Hier wird ein Schreckgespenst an die Wand gemalt. Von der schwachen Lohnentwicklung des letzten Jahres geht überhaupt kein Preisdruck aus. Zudem gibt es keinen Automatismus zwischen steigenden Löhnen und Preisen. Für die Preise sind allein die Unternehmen verantwortlich. Wenn Löhne und somit Arbeitskosten steigen, erhöhen einige Firmen ihre Preise, um ihre Gewinnmarge stabil zu halten. Sie könnten aber auch mit niedrigeren Gewinnen wirtschaften. Auch deshalb gibt es aus ökonomischer Sicht keinen Grund für lohnpolitische Bescheidenheit.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Tarifpolitik allein kann die höheren Sprit-, Öl- und Gaspreise nicht ausgleichen. Hier ist erneut politisches Handeln gefragt. Der beste Inflationsschutz sind aber durchsetzungsstarke Gewerkschaften.

Der Autor ist Chefökonom

der Dienstleistungsgewerkschaft

Verdi.

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