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Die grassierende Stechuhr-Panik ist also genauso unbegründet wie die Sorge um die Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung.

Gastwirtschaft

Schluss mit Flatrate-Jobs

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Die Kolumne „Gastwirtschaft“ von Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes, über faule Ausreden derer, die lange genug von Umsonst-Arbeit profitiert haben.

Gastwirtschaft

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Ihre Themen sind unter anderem Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.

Was interessiert mich, was der Europäische Gerichtshof sagt?“ – diesem Motto getreu hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier seinen Widerstand gegen das Urteil zur Arbeitszeiterfassung angekündigt. Für die Arbeitnehmer bleiben weiter wichtige Fragen offen: Nach bisheriger Rechtslage muss die über die achte Arbeitsstunde hinausgehende Arbeitszeit dokumentiert werden, die davor aber nicht. Auf die Frage, wie man die neunte Stunde Arbeit eigentlich erfassen will, wenn die Stunden eins bis acht nicht gezählt wurden, haben Arbeitgeber und Politik bislang keine schlüssige Antwort gegeben.

Währenddessen verstetigt sich der Trend zu Flatrate-Arbeit: Deutschlandweit werden pro Jahr rund eine Milliarde unbezahlte Überstunden geleistet. Das kommt nicht nur einem Lohn- und Zeitdiebstahl gleich – innerhalb eines Jahres wirtschaften sich die Arbeitgeber so rund 18 Milliarden Euro in die eigene Tasche. Es kann auch ernste gesundheitliche Folgen für die Arbeitnehmer haben. Wer auch in der Freizeit erreichbar sein muss und selten abschalten kann, hat ein wesentlich höheres Risiko, zu erkranken.

Wo Arbeitgeber eine Regelung zur Arbeitszeiterfassung nicht für notwendig halten, die Interessensvertretung fehlt oder sie eine entsprechende Vereinbarung nicht durchsetzen kann, bleiben die Rechte der Beschäftigten – dazu gehört das Grundrecht auf Begrenzung der Arbeitszeit – viel zu oft auf der Strecke. Deshalb ist es richtig, dass der Europäische Gerichtshof für Klarheit gesorgt hat und deshalb muss die Koalition das Urteil jetzt umsetzen, statt das Thema mit wohlfeilen Ankündigungen an die Adresse der Arbeitgeber weiter auszusitzen.

Klar ist dabei auch: Hände weg vom Acht-Stunden-Tag! Mit dieser sozialen Errungenschaft darf es keinen Kuhhandel geben. Im Übrigen wird schon heute in rund 80 Prozent der Betriebe die Arbeitszeit erfasst, von Arbeitgebern oder Beschäftigten selbst. Das Urteil bedeutet also keine Weltrevolution. Die Erfassung wäre außerdem über Apps und wenige Klicks von jedem Ort zu jeder Zeit unkompliziert möglich. Die grassierende Stechuhr-Panik ist also genauso unbegründet wie die Sorge um die Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung. Das sind nicht mehr als faule Ausreden derjenigen, die lange genug von Umsonst-Arbeit profitiert haben.

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