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Schlechte Architektur

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Von: Günther Moewes

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Warum der funktionalistische Städtebau der Zukunft nicht standhält.

Hauptursache schlechter Architektur sind die gegensätzlichen Vorstellungen von Bevölkerung und akademischer Fachwelt. Die Bevölkerung liebt die alten Gründerzeitviertel und die Dichte mediterraner Kleinstädte mit ihren Gassen und aufregenden Raumfolgen. Dort macht sie auch Urlaub – nicht in Marzahn oder München-Perlach.

An den Hochschulen werden aber immer noch die „modernen Großsiedlungen“ gelehrt. Mindestabstände, Geschossflächenzahlen und Abstandsflächen sind noch Gesetz. Die neu geschaffenen Fachbereiche „Raumplanung“ haben diese raum- und vorstellungsfeindliche Abstraktion auf die Spitze getrieben. Und deren Absolventen bevölkern inzwischen die Bauämter.

Noch in meinem Studium wurde uns gelehrt, Gründerzeitbauten, Gassen, Höfe, Stadtraum – das seien die „röhrenden Hirsche des kleinen Mannes“. Schon vor der Moderne hatte die Baugeschichte sich fast nur mit höfischem und sakralem Bauen beschäftigt, Bevölkerungsbauten als Profanbau abgetan und der Heimatkunde überlassen. So wurde aus den herrlichen Stadträumen Venedigs oder des Wiener Wohnungsbaus der bloße „Stadtraum als Immobilienabfall“ sowie der Landschaft fressende, aufgelockerte „Aufzählungsstädtebau“.

Ausgerechnet als der Verkehrslärm neu aufkam, schaffte man die absolut ruhigen Höfe der Gründerzeit ab. Läden und Kindergärten holte man aus den Erdgeschossen der Wohngebäude heraus und brachte sie in Einkaufszentren oder „freistehend“ auf der grünen Wiese unter. Dafür lagen in den Erdgeschossen dann die Schlafzimmer an der lauten Straße. „Funktionstrennung“ hieß das. Es kam den Interessen der Eigentümer entgegen: Supermärkte wollten eingeschossig sein und sich nicht mit fünf Wohngeschossen darüber abgeben. Die fand man dann in die Natur vor der Stadt wieder.

Natürlich gibt es auch im Bevölkerungdenken Irrtümer: Das ach so geliebte freistehende Einfamilienhaus frisst maximal Landschaft und Energie, wurde aber von den Konservativen als „Bollwerk gegen Kommunismus“ gefördert. In der kommenden Heißzeit werden sich seine Besitzer noch nach der schattigen und energiesparenden Dichte mediterraner Dörfer sehnen. Denn Dachbegrünung kühlt leider nur den Luftraum darüber.

Der Autor ist emeritierter

Professor für Industrialisierung.

Gerade wurde sein „Weder

Hütten noch Paläste“ von

1995 wieder aufgelegt.

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