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Schafft die großen Scheine ab!

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Von: Beate Bockting

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EZB-Präsidentin Christine Lagarde war nicht nach Scherzen zumute.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde war nicht nach Scherzen zumute. © Imago

In einer Zeit, in der so vieles finanziert werden muss, darf es kein Spekulieren, kein Zurückhalten von Liquidität geben. Die Kolumne „Gastwirtschaft“. 

Vor einer Woche hat die Chefin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, erstmals seit 14 Jahren eine Leitzinserhöhung in Aussicht gestellt. Nach dem Ende der Netto-Anleihekäufe im dritten Quartal sei dies denkbar, angesichts einer Inflation von jetzt schon 7,5 Prozent.

Doch wäre eine Zinserhöhung die angemessene Reaktion auf die jetzige Lage? Nein. Wir stehen nicht vor einer Überhitzung der Wirtschaft, sondern drohen über die Ausläufer der globalen Corona-Krise bald in eine Kriegswirtschaft abzugleiten. Zermürbte, verunsicherte Menschen, zerrüttete Lieferketten, steigende Energiepreise, Krieg in Europa und eine fragwürdige Sanktionspolitik – das alles sorgt für hohe ökonomische Unsicherheit. Gift für die Wirtschaft! Da schaden Zinserhöhungen.

Deutschland hat am meisten von der Zinsentlastung durch Negativzinsen profitiert. Bis Corona kam, konnten die Staatsverschuldung reduziert und 2019 erstmals wieder die Maastricht-Schuldengrenze eingehalten werden. Wären dagegen die Zinsen auf dem Niveau von 2008 geblieben, hätte die deutsche Wirtschaft seither eine zusätzliche Zinslast von mindestens 2,5 Billionen Euro stemmen müssen – das wäre untragbar gewesen.

In der Corona-Zeit sind mit den Schuldenständen auch die Anleihezinsen der Staaten wieder gestiegen. Seit Jahresbeginn nehmen die Finanzierungkosten für Unternehmen und Private zu. Sollte der Leitzins tatsächlich angehoben werden, schwänden die günstigen Refinanzierungsbedingungen noch weiter dahin.

Schon hat die erste große Geschäftsbank angekündigt, die Negativzinsen für 99,9 Prozent ihrer Kunden abzuschaffen und sie nur noch auf Giro- und Tagesgeld-Konten ab 500 000 Euro zu erheben. Das gesunde Prinzip, dass Liquiditätshaltung kostenpflichtig sein muss, würde wieder aufgegeben. Ein völlig falsches Signal.

Der Einlagenzins muss negativ bleiben, denn er hält die Liquidität im Fluss. Tatsächlich sollte die EZB sogar das Bargeld (das ebenfalls zum Zentralbankgeld zählt) einbeziehen und mit einer Gebühr belegen. Oder zumindest die großen Geldscheine abschaffen, damit sie nicht gehortet werden können.

In einer Zeit, in der so vieles finanziert werden muss, darf es kein Spekulieren, kein Zurückhalten von Liquidität geben. Ein Abschied von den Negativzinsen wäre grundfalsch.

Die Autorin ist stellvertretende Vorsitzende der Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung.

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